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Wilde Schule?

Das Beispiel der Freien Naturschule Pankow zeigt: Wildnispädagogische ­Ansätze an Schulen erfordern Mut – nicht zuletzt von Erwachsenen.

von Bastian Barucker , erschienen in 22/2013

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© Foto: Hagen Stenzel

Ich erinnere mich daran, wie ich im Rahmen meiner Ausbildung zum Wildnispädagogen die Hadzabe in Tansania besuchte. Das ist eines der letzten Jäger-und-Sammler-Völker. Mit einer Gruppe von Männern verschiedenen Alters saß ich ums Feuer und kochte Gift für Pfeilspitzen aus einem bestimmten Holz. Zu meiner Überraschung übernahmen zwei Jugendliche fast die komplette Arbeit. Die älteren Männer beobachteten; wenn nötig, gaben sie Hinweise. Es schien, als wüssten die Älteren, dass es für die Jüngeren wichtig war, diese Erfahrung selbst zu machen. Ich sah, dass die beiden Jugendlichen sich ernstgenommen fühlten und die Kommentare der älteren Männer annehmen konnten. Wie einfach es ist, wenn Lernen sinnvoll, gemeinsam und aus Erfahrung entstehen darf!
In den meisten westlichen Ländern hat ein großer Teil der Kinder und Jugendlichen keine Lust und keine Neugierde zu lernen. Das können sich Jäger-und-Sammler-Gesellschaften, bei denen es weder Unterrichtsstunden noch Zensuren gibt, nicht leisten, denn gut ausgebildeter Nachwuchs ist dort nicht erst langfristig überlebenswichtig. Angeregt von der lebendigen Lernkultur der Naturvölker, machen sich heute einige Bildungspioniere auf den Weg, die lebensfreundlichen Prinzipien des Lernens neu zu entdecken. Lernlust wird angetrieben durch Neugierde oder eine klar erkennbare Notwendigkeit – was nicht mit Zwang zu verwechseln ist. »Ursprüngliches Lernen« findet durch Erfahrung, durch Beobachten und das Nachahmen von menschlichen oder tierischen Vorbildern statt. So hat es sich die Wildnispädagogik zur Aufgabe gemacht, diese universellen Prinzipien ursprünglichen Lernens zu sammeln und in unseren modernen Alltag zu integrieren.
Wie kann so etwas in einem Bildungssystem möglich werden, das den Fokus auf direktive Wissensvermittlung legt und kaum Raum für selbstbestimmtes und erfahrungsbasiertes Lernen lässt?
Ich wohne dem Gründungstreffen einer staatlich anerkannten Freien Schule bei, die ihren Schwerpunktauf Naturverbindung legen will. Voller Begeisterung habe ich von dieser Initiative gehört, mit der die Eltern eines Waldkindergartens ihren Kindern auch im Schulalltag weiterhin direkte Natur­erfahrung zu ermöglichen suchen. Ich habe bereits einige Jahre als Wildnispädagoge in Österreich gearbeitet und gehe voller Enthusiasmus zu dem Treffen, um meine Arbeit vorzustellen. Ich erzähle davon, wie wir mit den Kindern Bögen bauen, Feuer machen, Leder gerben, Körbe flechten und die Vogelsprache lernen können. Und wie wir nicht nur die Inhalte, sondern auch die Art des »Unterrichts« auf die alt-neue, natürliche Weise gestalten können. Eine Schule, in der Kinder sechs Jahre lang von Mentoren begleitet werden und intensive Naturerfahrungen machen können, klingt wie Musik in meinen Ohren – wie der abendliche Gesang der Amsel.
 

Spielen in der Natur ist nicht nur für Kleinkinder wichtig
Nachdem ich meine Ideen vorgestellt hatte, antwortete eine Mutter: Das sei ja ganz nett für den Kindergarten, aber in der Schule wohl eher fehl am Platz. Ich war schockiert und zugleich verständnisvoll. Ursprüngliche Fertigkeiten, wie geschildert, sowie das spielerische Lernen in der Natur werden ja nicht selten als ineffektives, kleinkindliches Spiel abgetan. Ich ließ mich von dem Einwurf nicht beirren und erarbeitete das Konzept für den wildnispädagogischen Teil der Schule, die als »Naturschule im StadtGut« 2007 in Berlin gegründet wurde. Neben dem freien Schulalltag gibt es nun dreimal wöchentlich die Möglichkeit, im und vom Wald zu lernen. Beim freien Entdecken, was es hier alles zu beobachten, zu spüren, zu hören, zu schnuppern und zu bedenken gibt, wächst in den Kindern eine tiefe Verbundenheit zum Organismus Wald; ihr Potenzial im Bereich ihrer Sinne, ihrer Bewegung und ihrer kindlichen Neugierde entfaltet sich.
Bald jedoch tauchten scheinbar unüberwindbare Hürden auf, denn das Team hatte keine gemeinsame Vision vom »natürlichen Lernen«. Wie manche Eltern verließ auch einige Lehrer der Mut, sich von festen Ansichten über das Lernen zu lösen und sich auf das Wagnis einzulassen, »alte« Lernwege in die heutige Zeit zu integrieren. Das hätte zum Beispiel geheißen, Kinder ohne Unterweisung und Belehrung ausprobieren und Fehler machen zu lassen. Sie aus einer inneren Motivation heraus in neues Wissen hineinwachsen zu lassen, ohne kontrollieren zu können, wann und wie das geschieht. Die Sorge, dass ihre Kinder nicht genug lernten und in der Berufswelt nicht bestehen können würden, verleitete die Eltern zu einer Rückbesinnung auf von außen festgelegtes, direktives Lernen. Zunehmend wurde an meiner Schule das gänzlich freie Lernen reduziert. Es entstand ein Spannungsfeld zwischen dem erzwungenen und dem selbstbestimmten Lernen.
Mir scheint, es gibt noch nicht genug Eltern und Pädagogen, die den Mut haben, eingefahrene Muster abzulegen und auch ihre eigenen Erfahrungen und »Einsichten« aus der Vergangenheit zu reflektieren. Denn genau diese kommen zum Vorschein, wenn aus Angst und Sorge Handlungsmöglichkeiten gesucht werden. Trotz bester Absichten und Konzepte, das Lernen frei gestalten zu wollen, schleichen sich so in herausfordernden Situationen wieder Kon­trolle, Manipulation, Bewertung und Zwang in den Schulalltag.
 

Mit allen Sinnen lernen
Meine persönlichen Erfahrungen sowie die Beobachtung anderer Menschen, die aus ihren Naturerfahrungen heraus leben, lassen mich darauf vertrauen, dass Kinder sich auch Fähigkeiten wie Lesen, Schreiben und Mathematik spielend aneignen, wenn sie jeden Tag die Möglichkeit haben, ihre Neugierde zu entfalten und ihre Sinne zu schulen. Wenn sich Kinder aus einer lebendigen Situa­tion heraus für Themen begeistern, verankert sich das zugehörige Wissen in ihnen viel nachhaltiger, weil sie es mit sinnlicher Erfahrung verbinden können. Das bestätigt sich auch in den aktuellen Erkenntnissen der Neurobiologie und der Lernforschung. Aus der Beobachtung der Natur und dem Leben in ihr können sich tausend Fragen entwickeln: Woher kommen Wind und Sturm? Erzählen sich die Vögel etwas? Louis Liebenberg, ein weltweit anerkannter Spurenleser, schreibt in seinem Buch »The Art of Tracking: The Origin of Science«, das Spurenlesen in der Natur sei der Ursprung von Wissenschaft. Denn durch die Aufnahme von Informationen mit Hilfe von Beobachtung werden Thesen aufgestellt, etwa, welches Tier mit welcher Motivation zu welcher Uhrzeit aktiv gewesen ist. Diese Thesen gilt es dann durch Beweise zu untermauern oder aufgrund von Widersprüchen zu verwerfen. Ein Vorgang, der dem des Lesen(lernen)s sehr ähnlich ist: Wir reihen Symbole verschiedenen Aussehens aneinander, bis sie schließlich Sinn ergeben. So geschieht es auch im Wald.
 

Wurzeln schlagen
Durch die Möglichkeit, dem eigenen Impuls folgend zu lernen und sich die Welt zu erschließen, erhalten Kinder und Jugendliche das Bewusstsein, dass sie für ihr Leben Verantwortung tragen und es so gestalten können, dass es Freude und Erfüllung bringt. Beim freien Lernen lohnt es sich, im Augenblick präsent zu sein – und was sonst bräuchten die Kinder heute und in Zukunft dringender als das Bewusstsein, dass es sich lohnt, hier und jetzt aktiv und den eigenen Impulsen folgend am Leben teilzunehmen?
Mit Erstaunen beobachte ich, wie Kinder, die in der Schule Schwierigkeiten haben, im Wald aufblühen und voller Lebendigkeit teilnehmen. So ging ich mit einer Gruppe von Jungen, die wenig Begeisterung für die sogenannte Stillarbeit zeigten, so oft wie möglich in den Wald und war überaus beeindruckt von der Geschwindigkeit und Intensität ihres Lernens. Oft lief ich hinter den Kindern durch den Wald, um ja nicht zu verpassen, was sie Spannendes entdeckten oder begannen. Das gewohnte Gefüge zwischen Lehrer und Schüler durfte sich auflösen. Wir waren eine sich bereichernde Gemeinschaft von Einheimischen in diesem Wald.
So wie der Löwenzahn und andere wilde Kräuter sogar betonierte Untergründe verlebendigen, ist auch die Bewegung der Wildnispädagogik ein sich immer stärker ausbreitendes Engagement für lebendiges Lernen. Mittlerweile gibt es im deutschsprachigen Raum eine große Zahl an Wildnisschulen, die jährlich Wildnispädagoginnen aus- und weiterbilden, und die Spanne der Kooperation von Wildnisschulen mit staatlichen Schulen und anderen Bildungseinrichtungen reicht von einmaligen Ausflügen über Nachmittags-Arbeitsgruppen oder Klassenfahrten bis hin zur ­Intensivbegleitung einer ganzen Schule.
Die Wildnisschule »Wildniswissen« zum Beispiel begleitet seit mehreren Jahren 140 Schüler und acht Lehrer der Waldschule Geesthacht im »Abenteuer Waldprojekt«. Joscha Grolms, ein Leiter des Projekts, hat bereits »eine nachhaltige und sichtbare Veränderung« an der Schule beobachtet. Selbst der verantwortliche Förster versprach seine Unterstützung. Berührt berichtete er, wie nach drei Jahren endlich wieder Familien und Kinder in »seinen« Wald kommen, um zu spielen und gemeinsame Zeit zu verbringen. »Anfängliche Ängste im Kollegium und bei den Eltern, die Kinder könnten sich bei Aktionen im Wald verletzen oder sie würden nicht genug lernen, konnten aufgefangen werden«, berichtet Joscha Grolms.
 

Lehrerinnen der Zukunft werden im Wald gemacht
In Deutschland, Österreich und der Schweiz sind Wildnis-AGs, die eine regelmäßige Begleitung ermöglichen, bereits in etliche Schulen integriert. Auch Wilfried Mengs bietet im Raum Eisenberg in Thüringen wöchentlich das »Wildnis-ABC« für Grundschüler an. Es ist ihm wichtig, dass die Kinder die Möglichkeit bekommen, das in ihrer Tätigkeit liegende Risiko einzuschätzen, abzuwägen und darüber zu verantwortlichem Handeln zu kommen. Seine Wildnisgruppe findet viel Anerkennung; sogar die Stadt unterstützt sie.
Während meines Engagements an der Naturschule im StadtGut ließ ich mich über ein Jahr lang von Mark Morey beraten, einem erfahrenen Mentor aus den USA. In unseren Gesprächen ging es immer wieder darum, wie wichtig es sei, auch Eltern und Pädagogen hautnah erleben zu lassen, wie sich das »natürliche Lernen« im Wald anfühlt. Wie bei den Kindern können auch hier Wandlungsprozesse nur dann stattfinden, wenn intensive Erfahrungen am ganzen Körper gemacht werden. Ich denke, es sollte konzeptionell verankert sein, dass Ängste der Eltern, die auf die Kinder projiziert werden, direkt angesprochen werden, damit Eltern Verantwortung für ihre Gefühle übernehmen können. In meinem Verständnis findet Lernen oft an Grenzen statt. Neues gibt es selten im bekannten Raum zu entdecken. Es braucht Neugier und Mut, neue innere und äußere Räume entdecken zu wollen. Teil eines gelingenden Wandlungsprozesses muss es sein, gerade mit den Erwachsenen gemeinsam an diesen Grenzen zum Unbekannten zu arbeiten.
Wildnispädagogik kommt allmählich auch in staatlichen Weiterbildungseinrichtungen an, beispielsweise mit dem Projekt »Nachhaltiges und soziales Lernen in Naturverbindung« an der Berliner Alice-Salomon-Hochschule, an dem ich als Mentor beteiligt bin (siehe Oya Ausgabe 19). Studierende der Sozialen Arbeit erklären hier die Wildnispädagogik für zwei Jahre zu einem ihrer Studienschwerpunkte. Die Organisation von Waldwochen bedeutet Aufwand, aber zum gemeinschaftlichen Lernen im Wald gehört auch das Lösen von Konflikten. Alle Wildnismentoren erzählen, wie sehr die kleinen und großen Menschen nach Zeiten vorgefertigter Aufgaben und Pläne das freie Spielen genießen und wie sehr Waldzeiten sie in ihrem ganzen Wesen ansprechen und sie reifen lassen. Der regelmäßige Naturkontakt stärkt sie in ihrer Beziehung zur ­Natur, zu sich selbst und zu der Gemeinschaft, in der sie leben.  

 

Bastian Barucker (29) ist Wildnispädagoge und Prozessbegleiter. Zur Zeit ist er Lehrbeauftragter an der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin und sucht nach Bildungseinrichtungen, die Natur- und Selbsterfahrung in ihre Ausbildung integrieren wollen. www.bastian-barucker.de


Mal selber den Weg in die Wildnis wagen?
www.wildnisschulenportal-europa.de
www.freie-naturschule-pankow.de
www.fv-waldschule.de
Oder fragen Sie einfach nach dem nächsten Wald.

 

 

 

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