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Sind Sie Anarchist?

Machen Sie den Test – die Antwort könnte Sie überraschen!

von David Graeber , erschienen in 22/2013

Bild

© Foto: Melville House

Vermutlich haben Sie schon mal irgendwo gehört, was Anarchisten angeblich sind und glauben. Vermutlich ist alles, was Sie gehört haben, Blödsinn. Denn viele denken, Anarchisten seien für Gewalt, Chaos und Zerstörung und gegen jede Form von Ordnung und Organisation, oder sie seien durchgeknallte Nihilisten, die alles in die Luft jagen wollen. Weit gefehlt. Anarchisten glauben schlicht, dass Menschen zu einem guten Umgang miteinander finden können, ohne dass man sie dazu zwingen müsste. Eigentlich eine ganz einfache Idee. Doch die Reichen und Mächtigen halten sie seit jeher für extrem gefährlich.
Vereinfacht ausgedrückt, beruht der Anarchismus auf zwei Grundannahmen. Erstens: Unter gewönlichen Umständen sind Menschen so vernünftig und anständig, wie man sie sein lässt, und sie organisieren sich selbst und ihre Gemeinschaften, ohne dass man ihn sagen müsste, wie. Zweitens: Macht korrumpiert. Im Anarchismus geht es vor allem darum, den Mut aufzubringen, mit dem, was uns der Anstand gebietet, wirklich ernst zu machen und es konsequent zu Ende zu denken. Es mag seltsam klingen, aber in vielen entscheidenden Punkten sind Sie wahrscheinlich bereits Anarchist, auch wenn Sie es noch nicht wissen. Beginnen wir mit ein paar Alltagsbeispielen:
Sie stehen in der Schlange vor einem überfüllten Bus. Warten Sie, bis Sie an der Reihe sind, und drängeln sich nicht vor, auch wenn weit und breit kein Polizist zu sehen ist?
Wenn Sie mit »Ja« geantwortet haben, verhalten Sie sich wie ein Anarchist! Das grundlegendste anarchistische Prinzip ist Selbstorganisation: Menschen muss nicht mit Strafverfolgung gedroht werden, damit sie vernünftige Vereinbarungen miteinander treffen und sich mit Würde und Respekt begegnen.
Alle Menschen denken, sie seien imstande, sich vernünftig zu verhalten. Wenn Sie denken, wir bräuchten Gesetze und Gesetzeshüter, so nur deshalb, weil Sie nicht glauben, dass auch andere Menschen dazu imstande seien. Aber: Denken all diese Menschen nicht genau dasselbe von Ihnen? Anarchisten argumentieren, der Großteil des antisozialen Verhaltens, das uns überhaupt erst denken lässt, wir bräuchten Armeen, Polizisten, Gefängnisse und Regierungen, um unser Leben zu kontrollieren, werde gerade durch die systematischen Ungerechtigkeiten verursacht, die durch ebenjene Armeen, Polizisten, Gefängnisse und Regierungen erst ermöglicht werden – ein Teufelskreis! Sind Menschen gewohnt, dass man sie behandelt, als gälte ihre Meinung nichts, werden sie wütend und zynisch oder gar gewalttätig – was es den Machthabenden zugegebenermaßen leicht macht, zu behaupten, die Meinung dieser Menschen gälte nichts. Verstehen diese Menschen jedoch, dass ihre Meinung ebensoviel gilt wie die jedes anderen Menschen, werden sie erstaunlich einsichtig. Kurz: Anarchisten glauben, dass es vor allem die Macht und die Auswirkungen der Macht sind, die Menschen dumm und verantwortungslos handeln lassen.
Sind Sie Mitglied in einem Club, Sportverein oder einer anderen freiwilligen Organisation, in der Entscheidungen nicht von oben, sondern basisdemokratisch gefällt werden?
Ja? Dann gehören Sie einer Organisation an, die nach anarchistischen Prinzipien funktioniert! Ein weiteres anarchistisches Grundprinzip ist die Freiwilligkeit der Verbindung. Im Grund geht es im Anarchismus schlichtweg darum, wahrhaft demokratische Prinzipien im Alltag zu verwirklichen – jedoch mit dem bezeichnenden Unterschied, dass Anarchisten an eine Gesellschaft glauben, in der sich alles nach diesen Grundsätzen organisieren lässt und in der alle Gruppen auf dem freiwilligen Einverständnis ihrer Mitglieder gründen. Somit sind hierarchische und militärische, durch Befehlsketten von oben nach unten strukturierte Organisationsformen wie Armeen, Verwaltungsapparate oder Großunternehmen nicht mehr notwendig. Vielleicht glauben Sie nicht, dass so eine Welt möglich sei. Aber: Jedesmal, wenn Sie durch Konsens anstatt durch Drohung zu einer Vereinbarung gelangen, jedesmal, wenn Sie eine freiwillige Abmachung mit jemandem treffen, sich einigen oder einen Kompromiss finden, indem Sie sich die Umstände oder Bedürfnisse der anderen Person bewusstmachen, sind Sie ein Anarchist – auch, wenn Sie es noch nicht wissen.
Anarchismus ist das, was Menschen tun, wenn man sie tun lässt, was sie tun möchten, und wenn sie mit gleichermaßen freien Menschen interagieren, die sich der gegenseitigen Verantwortung, die solche Freiheit mit sich bringt, bewusst sind. Dies führt uns zu einem weiteren entscheidenden Punkt: Während Menschen vernünftig und rücksichtsvoll sein können, wenn sie anderen auf Augenhöhe begegnen, liegt es in der Natur des Menschen, dass dies nicht mehr gilt, sobald einer Macht über den anderen hat. Sind Menschen mit solcher Macht ausgestattet, werden sie diese fast ausnahmslos auf die eine oder andere Art missbrauchen.
Glauben Sie, dass die meisten Politiker egoistische, selbstgefällige Karrieristen sind, die sich nicht ums Gemeinwohl scheren? Glauben Sie, dass unser Wirtschaftssystem idiotisch und ungerecht ist?
Ja? Dann unterstützen Sie die anarchistische Kritik an der heutigen Gesellschaft, zumindest in den Gründzügen. Anarchisten glauben, dass Macht korrumpiert und dass jene, die ihr Leben lang nach Macht streben, die letzten sind, denen diese Macht anvertraut werden sollte. Anarchisten glauben, dass das gegenwärtige Wirtschaftssystem Menschen eher für selbstsüchtiges und skrupelloses Verhalten belohnt als für aufrechtes und mitfühlendes. Dies glauben die meisten Menschen. Der Unterschied ist, dass viele glauben, man könne nichts dagegen tun, oder – wie die Erfüllungsgehilfen der Mächtigen gebetsmühlenartig wiederholen – alles, was man dagegen tun könnte, würde die Lage nur verschlimmern.
Aber was, wenn dies gar nicht stimmt?
Gibt es einen guten Grund, warum wir dies glauben sollten? Die meisten Prognosen über eine Welt ohne Nationalstaaten oder ohne Kapitalismus erweisen sich bei genauerer Untersuchung als grundfalsch. Unzählige Gesellschaften haben ohne Regierungen gelebt. In vielen Teilen der Welt leben Menschen auch heute außerhalb von Regierungskontrolle, ohne sich deshalb gegenseitig umzubringen. Sie leben einfach ihr Leben, so wie andere Menschen auch. Überlegt man, wie dies in einer komplexen, urbanisierten, technisierten Gesellschaft umzusetzen wäre, stoßen wir auf eine Reihe von Fragen, auf die wir keine Antwort haben, weil kaum jemand danach fragt. Anarchisten meinen, genau diese Fragen sollten wir stellen.
Glauben Sie wirklich, was Sie ihren Kindern erzählen (oder was Ihre Eltern Ihnen erzählt haben)?
»Es geht nicht darum, wer angefangen hat«, »Ein Unrecht hebt das andere nicht auf«, »Räum’ deine Sachen selber weg«, »Was du nicht willst, das man dir tu’, das füg’ auch keinem andern zu«, »Sei nicht gemein zu Menschen, nur weil sie anders sind«. Vielleicht sollten wir uns mal entscheiden, ob wir unsere Kinder anlügen wollen, wenn wir ihnen erzählen, was richtig und falsch ist, oder ob wir bereit sind, unsere Aufforderungen selber ernstzunehmen. Denn macht man wirklich ernst mit diesen moralischen Prinzipien, landet man ganz schnell beim Anarchismus.
Etwa das Prinzip »Ein Unrecht hebt das andere nicht auf«: Wirklich ernstgenommen, würde es fast allen Kriegen und Strafverfolgungssystemen jegliche Grundlage entziehen. Dasselbe gilt fürs Teilen: Immerzu erzählen wir Kindern, sie müssten lernen, zu teilen, auf die Bedürfnisse anderer Rücksicht zu nehmen und sich gegenseitig zu unterstützen; und dann gehen wir raus in die Welt mit der Erwartung, alle Menschen seien von Natur aus egoistisch und stünden miteinander im Wettkampf. Ein Anarchist würde hier bemerken: Was wir unseren Kindern erzählen, stimmt. Praktisch jede große Errungenschaft in der Menschheitsgeschichte, jede Entdeckung, alles, was unser Leben zu einem guten Leben macht, basiert auf Kooperation und gegenseitiger Hilfe. Die meisten Menschen geben bereits heute mehr Geld für Freunde und Verwandte aus als für sich selbst. Höchstwahrscheinlich wird es immer Individuen geben, die denken, sie befänden sich mit ihren Mitmenschen im Konkurrenzkampf. Es gibt jedoch keinen Grund, warum eine Gesellschaft zu solchem Verhalten ermutigen oder gar Menschen dazu anstacheln sollte, miteinander um Grundbedürfnisse zu kämpfen.
Glauben Sie, dass Menschen im Grund ihres Wesens korrupt und böse sind oder dass bestimmte Gruppen (Frauen, »People of Color«, Durchschnittsmenschen, die weder reich noch gebildet sind) minderwertig sind und von Höherstehenden regiert werden sollten?
Wenn Ihre Antwort »Ja« lautet, sind Sie wohl doch kein Anarchist. Wenn sie aber »Nein« lautet, dann stimmen Sie mit neunzig Prozent der anarchistischen Prinzipien überein und leben vermutlich auch danach. Jedesmal, wenn Sie andere Menschen rücksichtsvoll und respektvoll behandeln, sind Sie ein Anarchist. Jedesmal, wenn Sie Differenzen mit anderen auflösen, indem Sie einen guten Kompromiss finden oder indem Sie alle anhören, anstatt eine einzelne Person entscheiden zu lassen, sind Sie ein Anarchist. Jedesmal, wenn Sie Gelegenheit hätten, jemanden zu etwas zu zwingen, und sich stattdessen entscheiden, mit Vernunft und Gerechtigkeit an die Person zu appellieren, sind Sie ein Anarchist. Ebenso jedesmal, wenn Sie mit Freunden teilen, wenn Sie gemeinsam entscheiden, wer den Abwasch macht, oder sich fair verhalten.
Sie mögen nun einwenden, all dies sei schön und gut, um in kleinen Gruppen miteinander auszukommen; die Verwaltung einer Stadt oder eines Landes sei jedoch eine ganz andere Geschichte. Da haben Sie nicht ganz unrecht. Selbst wenn man die Gesellschaft dezentralisierte und so viel Macht wie möglich in die Hände kleiner Gemeinschaften legte, gebe es Dinge, die auf übergeordneter Ebene koordiniert werden müssten: von Fahrplänen bis hin zu richtungsweisenden Entscheidungen über die Forschungsziele der Medizin. Aber nur, weil etwas kompliziert ist, heißt es nicht, dass es nicht auf der Grundlage gemeinsamer Entscheidung getan werden könnte.
Anarchisten haben verschiedenste Ideen und Visionen zur Selbstverwaltung einer komplexen Gesellschaft entwickelt, die jedoch den Umfang dieses Texts sprengen würden. Begnügen wir uns mit zwei Hinweisen: Erstens haben viele Menschen viel Zeit darauf verwendet, Modelle für eine wirklich demokratische, gesunde Gesellschaft zu entwickeln, und zweitens behauptet kein Anarchist, im Besitz einer perfekten Blaupause zu sein. Das letzte, was wir wollen, ist, der Gesellschaft vorgefertigte Schablonen aufzuzwängen. In Wahrheit sind wir uns wohl nicht mal eines Bruchteils der Probleme bewusst, die uns auf dem Weg in eine Gesellschaft, in der Entscheidungen von den Bürgerinnen und Bürgern gemeinsam getroffen werden, begegnen werden. Trotzdem sind wir zuversichtlich, dass die menschliche Findigkeit alle diese Probleme lösen können wird, solange wir nur unseren Grundprinzipien treu bleiben, die bei abschließender Analyse nichts anderes als die Prinzipien von Anstand und Menschlichkeit sind. 

Leicht bearbeitete und gekürzte Übersetzung aus dem Englischen.

 

David Graeber (52), US-amerikanischer Ethnologe und Aktivist, bezeichnet sich seit vier Jahrzehnten als Anarchist. Ausgiebige Feldforschung in Madagaskar schlug sich in einer Promotion an der University of Chicago über Magie, Sklaverei und Gewalt nieder. Graeber war entscheidend an der Gründung der aus der Protest­aktion »Occupy Wall Street« hervorgegangenen Occupy-Bewegung beteiligt – die Wochenzeitung »Die Zeit« bezeichnete ihn als deren »intellektuellen Superstar«. Er lehrt Ethnologie am Goldsmiths College der University of London und ist Professor an der renommierten London School of Economics. Seine Bücher verbinden scharfe Analyse mit süffisantem Stil und leidenschaftlicher Argumentation; darin erinnern sie an Horst Stowassers Standardwerk »Anarchie!«. 2008 erschien im ­Peter Hammer Verlag »Frei von Herrschaft«, im vergangenen Jahr bei Campus »Schulden« sowie »Inside Occupy« und soeben in der Edition Nautilus »Direkte ­Aktion« sowie bei Random House »The Democracy Project«. Graeber ist Mitglied der weltweiten ­Gewerkschaftsorganisation »Industrial Workers of the World« und wurde neben Vandana Shiva, Noam Chomsky und anderen in den Interimsausschuss der 2012 begründeten Nichtregierungsorganisation »International Organization for a Participatory Society« berufen.

www.twitter.com/davidgraeber

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