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Improvisation und Demokratie

Willem Schulz und Bea Simon (kursiv) tauschen sich über den Zusammenhang von künstlerischer und ­demokratischer Kommunikation als Pendelbewegung zwischen Individuum und Gemeinschaft aus.

von Bea Simon , Willem Schulz , erschienen in 22/2013

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© Foto: erstesimprovisierendesstreichorchester.de

Schon in meiner Jugend ermüdete ich, wenn ich am Cello saß und ein Notenblatt nach dem anderen aufgelegt wurde. So schön die klassische Musik sich zuweilen anhörte, meine eigene war es nicht. Doch gab es sie überhaupt, diese eigene Musik? Ich suchte und fand. Nach Aktionskunst und Fluxus in den 60er Jahren war für mich das freie Improvisieren mit jeglicher Klang- und Geräuschmaterie ein konsequenter Schritt. Ich entdeckte eine offene musikalische Sprache ohne Tabus und erkannte die Notwendigkeit, den Kopf leer werden zu lassen, um zu hören, was ist. Das ist die Grundlage einer aktiven Demokratie in der Musik.

Seit dreizehn Jahren beschäftige ich mich mit den Räumen des kollektiven Bewusstseins. Anfangs habe ich mehrere »Co-Creation-Camps« initiiert: Auf einer geschützten Wiese ließen sich bis zu 30 Menschen über vier Tage auf ein Experiment ein. Sie forschten, was geschieht, wenn es keine festgelegte Leitung gibt. Wundersamerweise hatte damals niemand eine Uhr dabei. Wir konnten keine Tagespläne erstellen, waren gezwungen, in den Moment hineinzulauschen. Es war, wie Willem sagt, dieses Zulassen von Leere – eine große Herausforderung und ein wunderbares Geschenk. Kam ein Vorschlag aus der Gruppe zur richtigen Zeit am richtigen Ort in Resonanz zum jeweils aktuellen kollektiven Feld, entwickelte er binnen Sekunden sofortige Umsetzungskraft. Vorschläge, die keine Verbindung zu dem hatten, was in der Luft lag, erzeugten hingegen sofortiges Chaos. Nach drei Tagen bildete sich ein spürbares »Gruppenwesen«. Jeder war wie von selbst am richtigen Platz und ganz eins mit seiner Tätigkeit – eine gelebte Improvisation, die nur durch die Präsenz aller Teilnehmenden etwas Höheres, gemeinsames Drittes entstehen ließ.

Ich denke, übergreifende Gemeinsamkeiten lassen sich gut aufsuchen, wenn das Eigene und Andersartige sein darf. Dann ist die Arena geöffnet, das gemeinsame Spiel beginnt: anschmiegsam und sprunghaft, subtil und platt, still und donnernd – das ganze Potenzial der Möglichkeiten ist imaginär hörbar, in jedem Moment. Und der Weg dort hindurch ist die Melodie, meine Melodie. Wie wunderbar, einer anderen Melodie zu begegnen oder einem ganzen Schwarm. Werde ich mitziehen oder meinen eigenen Weg gehen?

Ich glaube, dass das Individuum und das Kollektiv sich gegenseitig brauchen. Das gilt für die musikalische Improvisation wie für den Entscheidungsprozess einer Gruppe. Auch evolutionär betrachtet – wie das Spiral-Dynamics-Modell von Don Edward Beck und Christopher Cowan verdeutlicht – wechseln diese Bewusstseinsebenen. Nach einer Zeit mit stark kollektiv betonten Werten entwickelt sich viel Raum für individuelle Impulse und umgekehrt. In der heutigen Kunst wird gerade die Spannung zwischen Individuum und Gruppe als ein Höhepunkt wahrgenommen, wenn zum Beispiel ein Solist auf dem Klangteppich einer Gruppe spielt. Bei Entscheidungsprozessen mache ich gute Erfahrungen, wenn eingangs die individuellen Standpunkte gehört werden und anschließend sich alle in einer Meditation auf den Raum des Nichtwissens einstimmen. Oft empfangen die Menschen dann ähnliche Eingebungen, die sogar im Gegensatz zum eigenen Standpunkt stehen können. So entstandene Entscheidungen haben große Tragkraft.

In der improvisierten Musik sind alle Beteiligten in jeder Sekunde herausgefordert, sich zu entscheiden, welche Impulse sie in das Ganze geben. Ein Spiel eben – jedoch radikaler, vitaler und vollkommener als in der Welt unseres Alltags. Obwohl wir doch den ganzen Alltag über permanent improvisieren, tun wir das eher in konventionellen Bahnen. Auch die Spielweise des musikalischen Improvisierens können wir freilich mit unseren Unzulänglichkeiten zumüllen. Das kann entsprechend nervig klingen und die Frage aufwerfen, wie wir aus dem Missklang herauskommen.

Unterstützend ist die Wahrnehmung des Orts. Ich denke, für Gruppen, die sich regelmäßig treffen, ist es hilfreich, die Örtlichkeit oder die Raumgestaltung gelegentlich zu wechseln: Sitzen alle am Boden, auf Stühlen, mit oder ohne Tisch, im Kreis oder frontal? Wie ist die Raumatmosphäre, gibt es Zugang zur Natur, ist der Raum für Pausen angenehm? Solche Dinge haben einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf die Qualität der Kommunikation.

Der Ort ist mein Spielpartner, er umhüllt mich, fordert mich heraus, resoniert oder schluckt, hat ein Innen, ein Außen und Öffnungen. Ich fühle ihn. Alle Beteiligten fühlen ihn jeweils anders. In gemeinsamen Ortsbespielungen wird der Raum zum Thema: Wie verändert er sich durch uns und unser Tun? Welche Energie wird das Publikum einbringen? Ob spontan erforscht oder in einem Konzept geformt – der Raum ist wie der Basso continuo.
Wir haben mit dem Ersten Improvisierenden Streichorchester (EIS) in Hamburg ein spannendes Projekt realisiert: »Tune«, die Bespielung der entstehenden Hafen-City. Sieben Jahre lang haben wir jeweils an einem Wochenende im August den gleichen Weg bespielt, und jedes Jahr war der Weg in einem anderen Stadium der Veränderung. Anfangs ein verlassener Hafen, entwickelte sich dieses Ödland über gewaltige Baugruben, Kranorgien und konzertierte Durchschlagskraft zu einem modernistischen Stadtviertel. Ein Konglomerat aus Zerstörung und Vision, aus Plattheit und Genialität, aus kapitalistischen Monstern und kleinen menschlichen Geschichten. Was wollten wir jeweils betonen? Es war ein Zusammenspiel aus Konzepten, die ich vorher an Ort und Stelle entwickelt hatte, sowie der »Nase« und Spontaneität des Orchesters.

Dieses Zusammenspiel aus Konzept und Improvisation ist eine interessante Schnittstelle und besitzt eine hohe kreative Spannung. Je nachdem, ob Dirigentinnen, Moderatoren oder Gruppenleiter anwesend sind oder nicht, ergeben sich unterschiedliche Ergebnisse und Qualitäten. Daher vertrete ich ein »Sowohl-als-Auch«.

Komponierte und dirigierte Musik versetzt uns Musiker im Prinzip in vordemokratische Kommunikationsformen zurück. Es entstehen große Produkte, die aber nur die Struktur und Aussage eines Einzelnen beinhalten. Hierarchische Kommunikationsformen sind ziemlich alt und bis in unsere Zellen tradiert. Kollektive Formen dagegen sind unsicherer, experimenteller. Vielstimmigkeit zu erkunden, ist dabei genauso ein Weg, wie in schwarmhaften Homophonien zu schwelgen. Dieser Prozess ist hörenswert!

Ich war Teil einer basisdemokratischen Gruppe von gut 50 Personen, in der mir die Kommunikation festgefahren zu sein schien. Eines Tages schlug ich vor, das Werkzeug des World Cafés anzuwenden, das über Kleingruppengespräche in wechselnder Zusammensetzung kollektive Intelligenz hervorbringen kann. Es war der richtige Zeitpunkt: Der Vorschlag wurde beim nächsten Treffen umgesetzt und brachte frischen Wind. Neben kollektiver Intelligenz existiert allerdings auch eine kollektive Unbewusstheit, die in der Gruppe oft nicht wahrnehmbar ist. Deshalb braucht es von Zeit zu Zeit einen Anstoß von außen, etwa eine Supervision. Die Weiterentwicklung zu mehr Wachheit findet in der Pendelbewegung zwischen individuellen und kollektiven Impulsen statt.

Diese Pendelbewegung hält unser Orchester schon seit über 25 Jahren lebendig: Wir treffen uns meist dreimal im Jahr zu Projekten; dazwischen entwickeln sich alle in ihren sonstigen Zusammenhängen weiter und bringen von dort neue Ideen in das Orchester ein, zum Beispiel das Thema Stille. Stille ist erfrischend. In der Improvisation ist die Stille Aufmerksamkeit, Sammeln und Sich-Öffnen. Hier ist am wenigsten Störung und die höchste Energie, die Ohren greifen sozusagen in den Raum. Mehr wäre gar nicht nötig. Jeder ist bei sich und bei den anderen. Niemand dominiert. Alle sitzen in einer Wolke, die auf die Reise geht.

Es wäre sehr schön, wenn es sich einbürgern würde, ganz selbstverständlich jede Gruppensitzung mit Stille zu beginnen. Still zu schauen, was in mir selbst gerade ist, ob es emotionale Aktivierungen gibt, bringt Klarheit und ist eine Voraussetzung für eine offene und bewusste Kommunikation.

Wie schön wäre es, wenn aus der Stille nur ein einziger Ton erklänge – aber wie schwer ist dies für ein Orchester! Kaum ist da ein Ton zu hören, springt die ganze Herde an. Das ist unser Schwarm-Mitmach-Impuls. Anfang Oktober veranstalten wir mit der »Cooperativa Neue Musik« das Diagonale-Festival zum Thema »Schwärme«. Darüber forschen dann 300 Musiker, Tänzer, Künstler, Literaten, Sportler und Wissenschaftler. Es ist wichtig, solche Erfahrungsräume anzubieten, und es ist wichtig, dass diese Räume von dieser feinen, künstlerischen Ebene des Zuhörens beseelt werden.

Ich glaube, jede Gruppe braucht etwas sehr Spezifisches für ihre Weiterentwicklung. Auch ein gutes Führungsteam, das der kollektiven Intelligenz Raum gibt, kann eine Gruppe fördern und Orientierung geben. Das erfordert allerdings einen hohen Grad von Wachheit und Arbeit an den eigenen Schattenthemen, vor allem der leitenden Personen, aber auch des Kollektivs, um nicht in einen unproduktiven Widerstand zu geraten.

Ein nicht-hierarchisches Orchester ist einerseits ein äußerst fragiles Gebilde, da zahlreiche individuelle Kosmen zusammen agieren. Andererseits ist es aber auch eine Familie, die bereit ist, gemeinsam durch Dick und Dünn zu gehen. So ist das EIS bis heute bereit, unter den improvisiertesten Bedingungen zu campieren, um zusammenarbeiten zu können. Alle haben ihre Rollen, ihre speziellen Fähigkeiten entwickelt. Es gab mal eine Zeit, in der eine Reihe männlicher Gockel nach ihren Hahnenkämpfen genervt das Orchester verließen. Plötzlich bestand es vorwiegend aus Frauen. Die Musik, die damals entstand, klang völlig anders als vorher.

Insgesamt sehe ich viele Parallelen zwischen einem lebendigen, demokratischen Gruppenprozess und künstlerischer Improvisation. Beides erfordert die Fähigkeit, eigene Vorstellungen fallenzulassen, in das kollektive Feld und den Raum des Nichtwissens zu lauschen, Impulse wahrzunehmen und weiterzuentwickeln, aber auch Verantwortung und Mut zu zeigen, wo das eigene Können gefragt ist, um zeitweilig die Führung zu übernehmen. So kann eine Art höherer Intelligenz spürbar werden, die über unseren normalen Verstand hinausgeht und uns kleine Wunder beschert. Musiker hören zum Beispiel urplötzlich gemeinsam auf zu spielen, oder ich sehe mich in einem Moment aufstehen, um die Ecke gehen und dort auf einen Menschen treffen, der mir eine detailgenaue Information überbringt, die ich gerade suche. Zufall.

 

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Bea Simon (50), Künstlerin in den Bereichen Theater, Musik und Bild, lebt in einer Gemeinschaft im Wendland. Sie forscht zu experimentellen Räumen für Gruppenbewusstsein und gibt Seminare zum »Neuen Wir«.

Willem Schulz (63) ist Komponist und Cellist in diversen Formationen. Er ist Vorsitzender der »Cooperativa Neue Musik« in Bielefeld und künstlerischer Leiter des interdisziplinären Neue-Musik-Festivals »Diagonale«.


Die Kunst der Improvisation erleben und lernen:
Willem Schulz:
www.willemschulz.de
www.erstesimprovisierendesstreichorchester.de
www.cooperativaneuemusik.wordpress.com
Bea Simon:
www.neues-wir.net
www.be-art.net

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