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Die Kunst der Entscheidung

Dieter Halbach und Johannes Heimrath erzählen von den Entscheidungen, die sie zuletzt in Gruppen zu treffen hatten.

von Dieter Halbach , Johannes Heimrath , erschienen in 22/2013

Bild

© Foto: Marlena Sang

 

Grieche oder Italiener

Von Dieter Halbach

»Gehen wir zum Griechen oder zum Italiener?« Die Geschäftsführung unserer Genossenschaft ist auf ihrem ersten Betriebsausflug. Wer da denkt, endlich mal keine Grundsatzdebatten führen zu müssen, der hat sich schwer getäuscht. Schließlich muss jede unserer Entscheidungen im Licht des großen Ganzen gefällt werden, vor allem die scheinbar so harmlosen privaten Entscheidungen. Darin sind wir Profis. Also lautet die Korrektur der ersten Frage im globalen Kontext: »Das ist doch gar nicht die Frage! Sie lautet vielmehr: ›Gibt es hier ein Bio-Restaurant mit regionalen und veganen Angeboten?‹ Oder gelten unsere Werte für euch nur zu Hause?«
Großartige Diskussionseröffnung, Match, Satz und Sieg.
»Ja, in der Altstadt kenne ich da was. Ist aber ein bisschen weiter weg.« Das ist uns doch gerade recht, ein kleiner Spaziergang gehört sozusagen zu unserer Weltanschauung und steht somit nicht zur Diskussion. Die geht jedoch umso heftiger an der gefundenen ökologischen Futterquelle weiter: »Da setze ich mich nicht rein. So ein kleines, dunkles Loch! Bei dem tollen Wetter ist das doch nicht zumutbar – Bio hin, Bio her, ich bin schließlich auch ein Teil der Natur.« Niemand sagt etwas. Roterhitzte Gesichter nicken andächtig, und Schweiß tropft auf den Boden. Das nennt sich »gefühlter Konsens«. Drinnen wäre es wohl ohnehin unnatürlich kühl gewesen. Aber unten am Flussufer, soll es ein – naja – zumindest regional-vegetarisches Restaurant geben, wo wir auch draußen sitzen und ins Wasser gucken könnten. Das erscheint konsensfähig, die Truppe setzt sich in Bewegung.
Das Restaurant hat geschlossen. Das nächste in Frage kommende liegt in Straßennähe, und eine Motorradgang rattert gerade in dem Moment vorbei, als wir kurz davor stehen, uns dort einen Tisch zu suchen. Also, ganz klar: Hier ist es definitiv zu laut.
Mittlerweile halte ich mich drei Meter von der Diskussionsrunde entfernt. Das ist mein Beitrag zur Demokratie: Passivität. Nicht besonders originell, aber mit einem hohen Anteil innerer Arbeit und spiritueller Hingabe verbunden. Je länger wir unterwegs sind, kommen allerdings andere Bestandteile dazu: zunächst Durst, dann Hunger, dann müde Füße und auch eine gewisse umfassende psychosomatische Erschöpfung. Meine Hoffnung steigt in dem Maß, wie ich diese Anzeichen zunehmend auch bei meinen Gefährtinnen und Gefährten wahrnehme. Gerade höre ich aus der Runde noch: »Ich fühle es, da hinter der Ecke muss es liegen!« – als wir vor einer Dönerbude kollektiv zusammenbrechen. Schnell sind die Argumente parat, hier alle Viere von uns zu strecken: Das Essen ist kostengünstig, es gibt Plastikstühle, Tische und Sonnenschirme, an denen wir an der frischen Luft im Schatten sitzen können. Neben Döner sind auch Falafel im Angebot – aber vor allem: Es fehlt der Wille, auch nur noch einen Fuß vor den anderen zu setzen! Niemandem fallen mehr irgendwelche Argumente und Vorschläge ein.
Der kleinste gemeinsame Nenner sollte in einer lebendigen Demokratie nicht verachtet werden. Oder auch: Die schönste Musik für Hungrige ist das Geräusch klappernden Bestecks. Dazu noch der große Bildschirm, der verwunschene orientalische Klänge und Tänzerinnen von sich gibt, und ich denke: Lieben heißt, sich mit der Wirklichkeit zu begnügen …
Wir sind angekommen – im Paradies! 

 

Nächtlicher Dialog

Von Johannes Heimrath

Es ist spät geworden. Mein Besucher hat den Abend gewartet, während die Großfamilie palaverte. Ich hatte ihm für hinterher noch einen Schwatz bei Wein in Aussicht gestellt, denn beim Palaver sind wir strikt unter uns. Der geschützte Raum ist uns heilig.
„Na, habt ihr ein Ergebnis?« – »Hmm, die Kategorie gibt’s beim Palaver nicht.« – »Du wirkst bedrückt …« – »Ich bin nur nachdenklich. Unser Thema ist komplex. Niemand hat einen Konsens auf Anhieb erwartet.« – »Worum geht’s?« – »Um die Zukunft unseres baufälligen Kornspeichers. Jahrelang wollten wir ein Gästehaus draus machen. Ich finde das zur Sicherung unseres Gesamtprojekts unerlässlich. Aber wir können es nicht finanzieren.« – »Geld ist das Problem?« – »Nicht nur. Das Leben hier ändert sich, und niemand fühlt die Kraft für das Projekt. Einige wollen das Haus loswerden; es belastet uns. Ich kann dem aber nicht zustimmen, nicht unter den bisher vorgebrachten Argumenten.« – »Habt ihr gestritten?« – »Wir streiten uns nicht. Wir palavern …« – »??« – »Na, wir sprechen so lange über eine Herausforderung, bis wir eine gemeinsame Lösung gefunden haben.« – »Und morgen sitzt ihr wieder zusammen?« – »Unmöglich! Die Abende, an denen wir alle zu Hause sind und Zeit haben, sind rar. Das regelt sich anders.« – »Wie denn?« – »Mit Zeit und Geduld. Es gibt Palaver, die mit einem Konsens enden – einfachere Anliegen, bei denen wir schon länger die gemeinsame Richtung fühlen. Aber oft bereitet das Palaver nur den Boden, auf dem die direkt betroffenen ­Familienmitglieder später pragmatisch entscheiden – beim Abspülen, beim Beerenpflücken, im Auto …« – »Ihr seid eine größere Gemeinschaft – ist es nicht problematisch, wenn einzelne für alle entscheiden?« – »Da vertrauen wir auf Kompetenz und Verantwortungsgefühl der einzelnen. Was uns aber alle angeht, setzt sich anders fort. Wir haben einander zugehört; alle hatten die Chance, sich auszuprechen und liebevoll gehört zu werden. Wir sind sehr unterschiedliche Menschen. Ich zum Beispiel vertrete meine Position immer mit Leidenschaft und muss aufpassen, dass ich die anderen nicht überfahre.« – »Und heute konntest du dich nicht durchsetzen …« – »Um Gottes Willen, niemand will sich durchsetzen! Ich möchte nur mit derselben Leidenschaft, die ich aufbringe, von einer besseren Idee überzeugt werden! Ich stehe gern mit ganzer Kraft hinter einer Idee, die ich als richtig erkannt habe. Ich möchte mir auch die Ideen anderer so zu eigen machen können, dass ich sie ganz und gar mittragen kann. Wir leben hier ein Leben voller Anstrengungen, und keiner von uns könnte etwas verwirklichen, wenn es nicht von allen aus vollem Herzen befeuert würde.« – »Und das ist hier nicht der Fall …« – »Ja. Ich weiß noch nicht, wohin sich das Haus-Projekt entwickelt. Klar ist nur: Ein Gästehaus wird der Kornspeicher nicht. Der Plan ist aber nur das eine. Es wurde deutlich, dass sich bei einigen das Lebensgefühl wandelt und nach einer viel umfassenderen Entwicklung verlangt als nur nach Änderung eines Bauplans.« – »Ein tieferer Konflikt also?« – »Ein Konflikt beweist, dass wir gemeinsam am Selben inter­essiert sind, und zwar brennend – sonst wäre uns die Sache gleichgültig. Die Frage ist also nicht so sehr, was wir nun mit dem Haus anstellen. Die Frage ist, ob wir – mich eingeschlossen! – begreifen können, dass uns das gemeinsame Interesse am Selben zusammenführt, und nicht trennt. Können wir für wahr nehmen, dass die Welt wenigstens drei Dimensionen hat, dass sie einen Raum bietet, in dem wir nicht nur zweidimensional hin oder her denken und uns blockieren müssen? Dass sie uns einlädt, uns einander beflügelnd zu erheben und gemeinsam Hindernisse zu übertanzen? Können wir durch den Wechsel der Perspektiven unsere Zuneigung zueinander vertiefen – in Klarheit, ohne Verbundenheit mit künstlichem Honig zu verwechseln?« – »Eine schwierige Aufgabe …« – »Ja. Aber sind wir angetreten, um es uns leicht zu machen?« – »Prost, mein Lieber! Ich werde ja morgen hören, wie es die anderen sehen.« 

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