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Gefestigte Strukturen bedeuten nicht Stillstand

Bewohnerinnen und Bewohner von zwei Wagenplätzen in Darmstadt erzählen davon,
wie sie Entscheidungen treffen und ihre Gesprächskultur entwickeln.

von Sara Mierzwa , erschienen in 22/2013

Mit Bauwagenplätzen assoziieren viele wildes Chaos. Die Wirklichkeit sieht meist anders aus: Ganz normale Leute verwirklichen Gemeinschaftsleben.

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© Foto: Sven Bannasch

Seit acht Semestern beschäftige ich mich in meinem Studium nun schon mit Fragen zu der Organisation von Gemeinschaftsprozessen. In Lehrbüchern finde ich idealtypische Entscheidungsprozesse. In der Tageszeitung lese ich von vielen gescheiterten Versuchen – Klimagipfel oder Flughafenstreit. In meinem Alltag reicht die Bandbreite der Erfahrungen vom gelungenen WG-Leben ohne Putzplan bis hin zu chaotischen Initiativgruppen, in denen niemand Verantwortung übernimmt. Ich würde gerne wissen, wie Gruppen Entscheidungen für ihr Zusammenleben treffen können, mit denen alle zufrieden sind und die weder der Umwelt noch dem einzelnen Menschen schaden. Vielleicht lässt sich ja auf Bauwagenplätzen etwas lernen?

Ich sitze mit Omar, Simone und Rolf in der überdachten Gemeinschaftsküche des Darmstädter Wagenplatzes »Diogenes«. Auf dem Tisch stehen noch Wildblumen von der 20-Jahr-Feier am vergangenen Wochenende. »Wir sind nicht der junge Anarcho-Platz, sondern relativ bürgerlich«, sagt Simone mit einem Lachen, während sie wilden Rucola in eine rote Keramikschüssel zupft. Die zehn erwachsenen Bewohner von Diogenes gehen alle klassischen Erwerbstätigkeiten nach. Sie teilen die Vorstellung von einem ruhigen, naturnahen und schönen Leben. Chaosecken, für die sich keiner verantwortlich fühlt, gibt es nirgendwo auf dem Gelände. Für den Putz- und Mülldienst tragen sich alle freiwillig ein. »Bei uns wird niemand zu etwas gezwungen«, bemerkt Rolf. Je nach Interesse und Fähigkeiten gibt es verschiedene Verantwortungs­bereiche. Zur Organisationsstruktur gehört auch ein gemeinsames Bankkonto, von dem Müllgebühren, Pacht, Strom, Wasser, Baukosten und Partys bezahlt werden. Die Gruppe ist als Verein organisiert, der das Grundstück pachtet, das vor der Besetzung noch Brachland war. Jetzt stehen hier sechzehn Bauwägen inklusive Bad- und Gäste­wagen, mit Terrassen, kleinen Gärten und einem gelben Briefkasten. Mehr als zehn Erwachsene dürfen hier nicht leben – das schreibt die Satzung des Vereins vor.
 

Eingespielte Gesprächskultur
Einmal im Monat gibt es ein Plenum in der Gemeinschaftsküche. Meist werden dabei organisatorische Fragen besprochen, manchmal aber auch Emotionales. Wenn sich zwei Parteien in ein Problem hineineingesteigert haben, kann das Plenum mit einem objektiven Blick auf die Situation bei der Lösung helfen. In den vergangenen Jahren hat die Gruppe ohne feststehende Methode ihre eigene, eingespielte Gesprächskultur entwickelt: Alle gehen sehr achtsam miteinander um und begegnen sich respektvoll – vielleicht, weil drei Sozialpädagogen in der Gruppe sind? »Gefestigte Strukturen bedeuten nicht Stillstand!«, betont Omar. Der Diskussionsprozess sei von großer Offenheit geprägt. »Jede und jeder kann den eigenen Sachverstand einbringen, alle sprechen miteinander«, betont der 67-jährige Rolf. Ein Instrument, auf das nur selten zurückgegriffen würde, sei das Vetorecht. Jeder könne ohne weitere Begründung eine Entscheidung blockieren. Omar habe zum Beispiel einmal gegen den Zuzug eines Menschen gestimmt.
Das Leben auf dem Bauwagenplatz hat Dorfcharakter. Die Menschen kümmern sich umeinander: bei Gewitter das Fenster vom Bauwagen nebenan schließen, im Urlaub die Blumen der anderen gießen oder eine Schultüte für die Kinder basteln. Der Alltag in Gemeinschaft sei selten langweilig: Beim Geschirrspülen gebe es meistens jemanden zum Plaudern. »Dabei kommt immer auch die Nachricht an: Ich mag dich, und du magst mich. Das trägt die Gemeinschaft und schafft Vertrauen«, sagt Rolf. Veränderungen und Zuzügen gegenüber gebe es eine gewisse »Dorfskepsis«. Mit den Jubiläumsveranstaltungen, bei deren gemeinsamer Organisation die Gemeinschaft noch mehr zusammengewachsen ist, wollen die ­Wagenbewohner sich mehr nach außen öffnen.
 

Ein anderer Platz, ähnliche Prozesse
Auf dem zweiten Bauwagenplatz treffe ich mich mit einer jungen Familie. Der Vater baut schnell einen Campingtisch auf und bringt ein Blech voller überbackener Zucchini aus seinem Bauwagen – Fastfood, wie er sagt. Die Kinder essen, während die Erwachsenen vom Leben auf dem Platz erzählen. Die Anfänge seien schwierig gewesen: In den 1990er Jahren stand ein Gerichtsvollzieher auf dem Platz und wollte ihn räumen. Damals hätten die Grünen geholfen, inzwischen ist er legal von der Stadt gepachtet. Es gibt einen Kinowagen, eine Bühne und einen Badewagen. Die Motivation der Menschen, hier zu leben, ist ähnlich wie auf Diogenes: der Wunsch nach Nähe zur Natur und Freude am Selbermachen.
Emil (die Namen der Menschen auf diesem Platz, der anonym bleiben will, sind von der Redaktion geändert) ist Student; er lebt seit 2012 im Wagen und versucht, für sich herauszufinden, auf welche Form von Konsum er verzichten kann. Er hat einen drahtlosen Internetzugang im Bauwagen – eine Zivilisationsneurose, wie er meint. Mit ihm leben etwa zwanzig Erwachsene und sieben Kinder auf dem vergleichsweise großen Grundstück nahe der Straßenbahntrasse. Während früher oft Partys und Festivals gefeiert wurden, leben heute mehr Familien auf dem Platz. Die Abende sind ruhiger geworden. Im hohen Gras zwischen den Bauwägen stehen Fahrräder, ein Trampolin, Spielzeug, Schubkarren und Baumaterial. Vieles ist im Auf- und Umbau. Eine neue Nachbarin bringt diverse Möbel herbei.
Auf dem Platz herrscht ein ständiges Kommen und Gehen von Mitbewohnern – wie in einer WG. Einzugsanfragen beschäftigen das zweimal monatlich stattfindende Plenum am meisten. Jeder Interessierte durchläuft einen längeren Prozess, der bis zu einem halben Jahr dauern kann: Erst gibt es eine Phase des Gastwohnens, dann malen alle mit bunten Farben ein Stimmungsbild an die Tafel. Danach gibt es Gespräche, verlängertes Gastwohnen oder einen Einzug. Eine konkrete Einwohnerbegrenzung gibt es nicht.
 

Spontaneität statt Maßregelung
An den regelmäßigen Plenen können selten alle teilnehmen, aber alle sollen berücksichtigt werden. Deshalb verlaufen Entscheidungsprozesse sehr langsam. »Ich möchte nichts gegen den Willen anderer durchsetzen«, betont Emil. Das ewig Prozesshafte auf dem Bauwagenplatz gefällt der 28-jährigen Linda besonders gut. Dadurch werde auch Druck aus Entscheidungen genommen. »Das politische System in Deutschland scheint mir steckengeblieben zu sein. Die Bundesrepublik wird zu sehr als abgeschlossen betrachtet«, meint auch Emil. Die vielen deutschen Regeln seien oft ein Hindernis. Das ist auf dem Wagenplatz anders: Hier gibt es viel Spontaneität. Niemand wird systematisch ausgeschlossen, was Emil in der Schule oder in politischen Gruppen oft erlebt hat. Er erinnert sich an einen Satz von seinem ehemaligen Sozialkundelehrer: »Das tollste System nutzt nichts, wenn die Menschen nicht dahinterstehen.« Neben dem Plenum gibt es noch eine informelle Mittwochsgruppe; dort darf aber nichts entschieden werden. Meist werden dabei konkrete Themen in kleinerer Runde besprochen.
Auf den Bauwagenplätzen gibt es Räume für die Gemeinschaft, und auch private Türen bleiben häufig offen. Vertrauen zu schenken, findet Simone ganz wichtig, um die Demokratie zu stärken. Omar meint, es sollte auch in den Städten mehr öffentliche Räume geben, die Menschen aktiv zusammen gestalten können. Die Leute nutzten Dinge anders, wenn sie sich mit einem Ort identifizieren. Es müsse nicht immer alles im Übermaß kontrolliert werden.
 

Die Zukunft im Kleinen
Ob Kompostklobauerin, Streitschlichter oder Kräutersammlerin: Sich mit den eigenen Fähigkeiten in eine Gemeinschaft einbringen zu können, schafft den Nährboden für echte Demokratie. Das Wagenplatzleben lässt sich freilich nicht einfach auf die Ebene einer ganzen Stadt übertragen. Je größer die Gruppe ist und je komplexer die Themen sind, desto schwieriger wird es, Entscheidungen zu treffen, die alle vertreten können. Irgendwann wird ein Delegationsprinzip notwendig, und dann fallen naturgemäß einige Interessen unter den Tisch. Doch viele Aufgaben­bereiche müssen vielleicht auch gar nicht so weit vom Menschen entfernt organisiert werden.
Was wäre, wenn Bildung, Bauplanung oder Energiewirtschaft in einem viel kleineren Rahmen geregelt würden? Die Strukturen, die ich auf den Bauwagenplätzen gefunden habe, sind auch für die kommunale Politik in der Stadt wie auf dem Land interessant: Gute Entscheidungen kommen dann zustande, wenn Dinge von allen Seiten beleuchtet werden. Ihre Zutaten: Offenheit, Sachverstand, gegenseitige Wertschätzung und eine Diskussion, an der alle Betroffenen teilnehmen können.•


Sara Mierzwa (23) studiert derzeit Friedens- und Konfliktforschung. Sie ist gerne in Kontakt mit Menschen – beim Tanzen, Musizieren, Briefeschreiben und Spazierengehen.


Lesestoff über spannende Darmstädter Sozialexperimente:
Wiebke Kronz und Lea Rothmann (Hrsg.): Darmstadt im Zwielicht seiner Randkulturen. Synergia Verlag, 2011

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