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Der egalitäre Weg

Matriarchale Prinzipien als Wegweiser in eine enkeltaugliche Gesellschaft.

von Heide Göttner-Abendroth , erschienen in 21/2013

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© Foto: MK/www.humantouch.de

Während meines ganzen Lebens habe ich mich mit der Erforschung der matriarchalen Gesellschaftsform in Gegenwart und Vergangenheit beschäftigt und wurde so zur Begründerin der modernen Matriarchatsforschung. Diese ist nicht irgendeine nebensächliche, exotische Erscheinung, im Gegenteil: Sie fördert ein Wissen von nicht-patriarchalen, grundsätzlich egalitären, gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Mustern ans Licht, das wir in dieser global destruktiven Phase des Spätpatriarchats dringend brauchen. Denn Matriarchate waren in ihrer langen geschichtlichen Epoche und sind in ihren letzten, heute noch existenten Beispielen Gesellschaften, die ohne Herrschaft, ohne Hierarchie und ohne Krieg als organisiertes Töten ausgekommen sind. Sie kennen insbesondere keine Gewalt gegen Frauen und Kinder, von der die patriarchalen Gesellschaften auf der ganzen Erde randvoll sind.
Matriarchale soziale und geistige Kultur beruht auf dem Grundsatz, dass die Menschheit aus Zwei besteht, aus zwei gleichwertigen Geschlechtern. Davon sind patriarchale Denker und leider auch neue Kulturphilosophen weit entfernt. Werden bei ihnen doch universelle Gedanken für die ganze Menschheit formuliert, die aber aus männlichen Lebensentwürfen und Weltvorstellungen stammen. Auf diese Weise wird die Frau unsichtbar gemacht, denn stillschweigend oder unbewusst setzt sich der Mann als Norm, demgegenüber die Frau, wenn überhaupt, nur als Abweichung und Nebensache erscheint.
Diese Fakten und Einsichten als Forschungsergebnisse haben mich trotz aller Anfeindungen meine Arbeit weiterführen lassen. Es war die Forschung selbst, die mich mehr und mehr dahin führte, dem Wissen von matriarchalen Gesellschaftsmustern für uns heute und für die Zukunft einen hohen Stellenwert beizumessen. Denn die matriarchale Gesellschaftsform ist, im Gegensatz zu vielen Gesellschaftsentwürfen, keine abstrakte Utopie. Solche Utopien haben in der menschlichen Geschichte niemals funktioniert. Die matriarchale Gesellschaftsform ist über die längsten Zeiträume der Kulturgeschichte gelebte, praktische Erfahrung und gehört zum unverzichtbaren kulturellen Wissensschatz der Menschheit. Es gibt in ihr sehr konkrete und detaillierte Regeln, wie das Zusammenleben bedürfnisorientiert, friedlich und gewaltfrei – das heißt: human – organisiert werden kann. Diese Regeln sind keineswegs ein naiv-naturwüchsiges Produkt, sondern stellen eine bewusste Kulturschöpfung dar.
 

Eine Ökonomie des Schenkens
Auf der ökonomischen Ebene sind Matriarchate meist, aber nicht ausschließlich, Ackerbaugesellschaften. Es wird Subsistenzwirtschaft mit lokaler und regionaler Autarkie praktiziert. Land und Häuser sind Eigentum des Clans im Sinn von Nutzungsrecht; Privatbesitz und territoriale Ansprüche sind unbekannt. Die Güter sind in lebhaftem Austausch, der den Verwandtschaftslinien und Heiratsregeln folgt. Dieses System des Austauschs basiert auf einer Ökonomie des Schenkens; es verhindert, dass Güter bei einem Clan oder bei einer Person akkumuliert werden können.
Das Ideal ist Verteilung, nicht Akkumulation. Vorteile und Nachteile beim Erwerb von Gütern werden durch soziale Regeln ausgeglichen. So ist es üblich, dass ein wohlhabender Clan bei den zahlreichen gemeinschaftlichen Festen das ganze Dorf einlädt, wobei er seine Güter als Geschenke an alle gibt. Das vermindert den Reichtum dieses Clans, doch das Schenken bei den Festivitäten geht reihum zu jenen, die das meiste Glück bei Ernte oder Handel hatten. Dafür gewinnen die schenkenden Clans »Ehre«, also soziales Ansehen. Ökonomische Unterschiede werden so immer wieder nivelliert.
Auf der ökonomischen Ebene sind Matriarchate daher gekennzeichnet von perfekter Gegenseitigkeit – ich definiere sie als Ausgleichsgesellschaften auf der Basis einer Ökonomie des Schenkens. Im Gegensatz dazu sind Patriarchate auf allen ihren geschichtlichen Stufen immer Akkumulationsgesellschaften, bei denen die Güter aller Menschen in den Händen von wenigen landen.
 

Beziehung statt Herrschaft, Konsens statt Mehrheit
Auf der sozialen Ebene beruhen matriarchale Gesellschaften auf dem Clan. Die Menschen leben in großen ­Sippen zusammen, die nach dem Prinzip der Matrilinearität, der Verwandt­schaft in der Mutterlinie, aufgebaut sind. Der Clanname, alle sozialen Würden und politischen Titel werden in der mütterlichen Linie vererbt. Ein solcher Matri-Clan besteht aus mindestens drei Generationen von Frauen: der Clanmutter und ihren Schwestern, deren Töchtern und Enkelinnen und den direkt verwandten Männern: den Brüdern der Clanmutter, den Söhnen und Enkeln.
Ein Matri-Clan lebt im Clanhaus, das zehn bis hundert Personen umfassen kann. Töchter und Enkelinnen leben immer hier. Sie verlassen nie das mütterliche Haus. Man nennt dies Matrilokalität. Die Gatten oder Geliebten, die in den Häusern ihrer eigenen Mütter wohnen, sind in »Besuchsehe« über Nacht zu Gast.
Der Clan ist eine autarke Wirtschaftseinheit. Um zu erreichen, dass diese autarken Gruppen ein gesellschaftliches Gefüge mit den anderen Clans des Dorfs oder der Stadt bilden, wurden komplexe Heiratsregeln entwickelt, beispielsweise die Regel der wechselseitigen Heirat zwischen je zwei Clans. Dazu gehören noch Regeln der freien Wahl mit den anderen Clans, mit der beabsichtigten Wirkung, dass alle Mitglieder des Dorfs oder der Stadt durch Geburt oder Heirat näher oder ferner miteinander verwandt sind. Diese Verwandtschaft stellt ein gegenseitiges Hilfssystem nach festen Regeln dar. Auf diese Weise wird eine nicht-hierarchisch organisierte, horizontale und egalitäre Gesellschaft erzeugt, die sich als erweiterter Clan mit allen wechselseitigen Hilfsverpflichtungen versteht.
Ich definiere matriarchale Gesellschaften auf der sozialen Ebene als horizontale matrilineare Verwandtschaftsgesellschaften.Patriarchale Gesellschaften bestehen hingegen aus untereinander Fremden, die Herrschafts- und Interessengruppen bilden, welche als Ego-Gruppen gegeneinander antreten und sich unaufhörlich bekämpfen. Das gesellschaftliche Gleichgewicht bleibt dabei prekär.
Auf der politischen Ebene sind die Prozesse der Entscheidungsfindung ebenfalls entlang der Verwandtschaftslinien organisiert. Basis jeder Entscheidungsfindung sind die Clanhäuser. Angelegenheiten, die das Clanhaus betreffen, werden von den Frauen und Männern durch Konsensfindung in Einstimmigkeit entschieden.
Dasselbe gilt für Entscheide, die das ganze Dorf betreffen: Nach dem Rat im Clanhaus treffen sich Delegierte der einzelnen Häuser im Dorfrat, in manchen Gesellschaften die Clanmütter, in anderen die gewählten Mutterbrüder, die ihren Clan nach außen vertreten. Im Dorfrat treffen sich keine Entscheidungs­träger, sondern Delegierte, die austauschen, was die einzelnen ­Häuser beschlossen haben. Sie halten das Kommunikationssystem im Dorf aufrecht und gehen zwischen Clanrat und Dorfrat hin und her, bis alle Clanhäuser auf Dorfebene den Konsens gefunden ­haben. Dasselbe gilt wiederum auf regionaler Ebene: Hier werden Entscheidungen der Dörfer und Städte ebenfalls von Delegierten, in der Regel den angesehenen Männern, durch Information koordiniert. Auch hier gehen die Delegierten zwischen Dorfrat und regionalem Rat hin und her, bis die Region durch alle Clanhäuser aller Dörfer ihre Entscheidung im Konsens gefunden hat. In einer solchen Gesellschaft können sich keine Hierarchien und Klassen bilden, ebensowenig ein Machtgefälle zwischen den Geschlechtern oder den Generationen. Minderheiten werden nicht durch Mehrheitsentscheide ausgegrenzt und stimmlos gemacht, denn sämtliche politischen Entscheidungen fallen »basisdemokratisch« in den Clanhäusern, wo die Menschen leben.
Auf der politischen Ebene definiere ich Matriarchate daher als egalitäre Konsensgesellschaften. Patriarchate sind demgegenüber grundsätzlich Herrschafts­gesellschaften, sogar noch in ihrer Spielart als formale Demokratien, welche die Minderheiten stimmlos machen. Außerdem sind sie von zahlreichen Institutionen und Hier­archien durchsetzt, die nicht demokratisch funktionieren.
 

Alles ist spirituell
Auf der spirituell-kulturellen Ebene kennen matriarchale Gesellschaften keine religiöse Transzendenz mit einem unsichtbaren, ungreifbaren, unbegreifbaren, aber allmächtigen Gott, demgegenüber die Welt als »Jammertal« oder gar »tote Materie« abgewertet wird. Der matriarchale Begriff von Göttlichkeit ist immanent, denn die gesamte Welt wird als göttlich betrachtet – und zwar als weiblich göttlich. Dies belegen alte Vorstellungen von der Göttin als Universum, die Schöpferin ist, und der Mutter Erde, die alles Lebendige hervorbringt. Deshalb besitzt alles Göttlichkeit: jede Frau und jeder Mann, jedes Tier und jede Pflanze, der kleinste Stein und der größte Stern. In einer solchen Kultur ist alles spirituell. Es gibt keine Trennung zwischen dem Sakralen und dem Profanen. Im alltäglichen Leben ist jede Handlung, wie Säen, Ernten, Kochen, Weben, Reisen, zugleich ein bedeutungsvolles Ritual.
Auf diese Weise kann matriarchale Spiritualität alles und jedes durchdringen und wird wieder ein normaler Teil aller Tage werden. Zugleich zeigt sich in ihr das Prinzip der matriarchalen Toleranz, denn niemand muss »an etwas glauben«. Es gibt kein Dogma, keine Lehre auf dem Boden »heiliger« Bücher, sondern die unaufhörliche, vielfältige Feier des Lebens und der sichtbaren Welt.
Auf der spirituellen Ebene definiere ich Matriarchate als sakrale Gesellschaften und Kulturen des Weiblich-Göttlichen bzw. der Göttin. Demgegenüber werden in Patriarchaten die religiösen und spirituellen Fähigkeiten der Menschen benutzt, um in Welt- und Staatsreligionen die Prinzipien der Herrschenden zu unterstützen.
Der Weg in die egalitäre Gesellschaft wird matriarchale Spiritualität und Politik miteinander verbinden müssen, um zu einer anderen Ökonomie und Gesellschaftsordnung zu führen. Wie das möglich sein kann, führen uns die matriarchalen Gesellschaften deutlich vor Augen. In ihnen sind Ökonomie, Politik, Sozialordnung und Spiritualität untrennbar miteinander verbunden, um allen ein gutes Leben zu ermöglichen – das stellt ihr Regelwerk sicher.
Dabei können wir heute klarerweise keine Muster übernehmen, die historisch vergangen sind, wie beispielsweise die blutsverwandten Clans oder die alleinige Ackerbau-Ökonomie. Geschichte und soziale Entwicklungen lassen sich nicht zurückdrehen. Aber wir können von diesen jahrtausendelang erprobten Mustern egalitärer Gesellschaften vielfältige Anregungen erhalten für unseren Weg in eine neue egalitäre Gesellschaft. •


 

Bearbeitete Fassung aus: Der Weg zu einer egalitären Gesellschaft. ­Prinzipien und Praxis der Matriachatspolitik. Drachen Verlag, 2008.

Heide Göttner-Abendroth (72) ist Philo­sophin, Kultur- und Gesellschaftsforscherin und die Begründerin der modernen Matriarchats­forschung. Sie wurde in Thüringen geboren und hat drei Kinder: zwei Töchter und einen Sohn. 1973 promovierte sie an der Ludwig-­Maximilians-Universität München in Philosophie und Wissenschaftstheorie. Danach lehrte sie zehn Jahre in München Philosophie und publizierte wissenschaftstheoretische Arbeiten in mehreren Sprachen. 1976 schloss sie sich aus Protest gegen die institutionalisierte Wissenschaft und die Benachteiligung der Frau in der Universität der neuen Frauenbewegung an und wurde zu einer Pionierin der Frauenforschung in Westdeutschland. 1986 gründete sie die autonome Akademie »Hagia« für »moderne Matriarchatsforschung und matriarchale Spiritualität« bei Passau. Mit ihrer mehr als dreißigjährigen Forschung in aller Welt sowie zahlreichen Publikationen schuf sie die Grundlagen für ein neues Verständnis matriarchaler Kulturen. Sie organiserte drei Weltkongresse für Matriarchatsforschung. Heide Göttner-Abendroth gehört zu den Frauen, die im Rahmen der Initiative »1000 Frauen für den ­Friedensnobelpreis 2005« nominiert wurden.

www.goettner-abendroth.de

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