Oya braucht Mithilfe!

Alle Artikel der gedruckten Oya-Ausgaben sind auf dieser Website kostenlos zu lesen. Dahinter steckt viel Arbeit. Bitte helfen Sie mit, dass wir alle Texte weiterhin frei zur Verfügung stellen können:

• Nein, danke

• Ja, ich unterstütze Oya

Bitte wählen Sie hier den Betrag, mit dem Sie Oya unterstützen möchten:



Falls Sie kein PayPal-Konto haben, können Sie natürlich
auch direkt unsere Bankverbindung verwenden:

IBAN: DE96 4306 0967 1112 9897 00 • BIC: GENODEM1GLS
Verwendungszweck: Oya-Online Beitrag

Einsatzgebiet der ­roten Nasen

Die ­Clownsarmee hat ihre eigene Kultur entwickelt. Karin Baumert gibt einen Einblick in die Welt der klandestinen Rebellen.

von Karin Baumert , erschienen in 21/2013

Clowns gehören auf Kindergeburtstage, sollte man meinen. Doch seit den Protesten in Heiligendamm gegen den G8-Gipfel 2007 sieht man sie mehr und mehr auch bei politischen ­Aktionen: Eine bunte Armee, versprengte Regimenter der »Clandestine Insurgent Rebel Clown Army«, kurz »C.I.R.C.A.«.

Bild

© Foto: www.labofii.net

 

»Klandestin« – das bedeutet »heimlich, geheim, konspirativ«. Es gehört zur Strategie der Clownsarmee, nichts zu veröffentlichen. Nun aber ist es erstmals gelungen, einem Mitglied einige Fragen zu stellen. Nennen wir sie Mascha.
»Mascha, wer und was ist eigentlich C.I.R.C.A.?« – »Das ist einfach erklärt: heimliche, aufständische Rebellen. Sie sind im Unpolitischen politisch und spiegeln das Absurde der Gesellschaft.«
»Kann jeder so ein C.I.R.C.A-Rebell werden?« – »Ja, aber dazu musst du dich auf eine Reise begeben, um dir in einem freien Raum selbst zu begegnen … eben dem Clown in dir.«
Den zu finden, das scheint so eine Sache zu sein. »Dein Clown ist nicht lustig. Und er ist keine verkleidete Aktivistin«, erklärt ­Mascha. »Er ist vielleicht Teil von einem dreijährigen Kind in dir, das überlebt hat. Er sieht in einem Blickfeld von 360 Grad alles gleichzeitig, er hört, riecht, tastet und schmeckt alles gleichzeitig, er zeigt, was er spürt, lässt sich treiben, macht alles größer, macht andere nach … schon spielt dein Clown!«
Workshops der Clownsarmee, die soll es geben – doch wer im Internet danach sucht, wird kaum etwas finden. Das Ganze ist ja geheim. Aber andererseits auch sehr einfach. Es soll genügen, auf einem Aktivisten-Camp einen Zettel mit der Aufschrift »C.I.R.C.A.-Clown« und einer Uhrzeit an ein Zelt zu hängen, und schon soll sich die Armee zur gegebenen Zeit dort sammeln.
»Mascha, was würde dann passieren? Was ist der Auftrag dieser Armee?« – »Sie wird häufig gerufen, um die Polizei zu unterstützen. Diese ahnt manchmal nichts davon und ist darum irritiert; aber das macht nichts: Auftrag ist Auftrag, und Chaos ist bei der Polizei ja nicht neu. Befehl ist Befehl, auch wenn der uniformierte Kollege neben mir sich nicht erinnert, mich schon mal gesehen zu haben. Ich auch nicht, aber um nicht aufzufallen, versuche ich, genauso zu sein, wie er. Guck mal: Wie steht er da, wie geht er von einem Fuß auf den anderen, wie telefoniert er? Da kann ich viel lernen …«
»Aber ist das nicht gefährlich?« – »Ach, in der Clownsarmee bin ich gut aufgehoben. Da hab ich zum Beispiel immer einen ›Buddy‹, der mich begleitet und mir hilft. Wir üben uns darin, aufeinander zu achten, einander zu folgen, nachzufragen und Zweifel zu teilen.«
»Und wie fallen bei euch Clowns Entscheidungen?« – »Die Reihenfolge ist ungefähr so: Nachdem ein Vorschlag oder eine Idee vorgetragen wurde, fragt die Moderation: Alles in Ordnung? Nach Für- und Gegenrede entsteht ein Stimmungsbild und wenn das nicht klar ist, gibt es eine Abstimmung. Ein Veto ist möglich, damit ein großer Einwand die Gruppe schützen kann. Entweder ist bei einem Veto die Entscheidung aufgehoben, oder der Veto­träger macht nicht mit. Aber Clowns diskutieren nicht. Keine Lust? – Dann mach einen Gegenvorschlag!«
Zu einer echten Armee gehören selbstverständlich auch Befehle. »Riese, Zauberer, Zwerg!« habe ich solche Rebellenclowns schon rufen hören. Oder »Fishing!«, »Ärscheln!«, »Paranoia!« und »Yeah!«. Aber was das bedeutet, wissen sie nur selbst. Auch Mascha will mir die Bedeutung nicht verraten. Dafür erzählt sie mir Geschichten über ihre Kameradinnen und Kameraden:
»Gestern sah ich eine verspielte Prinzessin Paula. Da wurde jede Blume gelber, und ich sah Dinge, die ich nie bemerkt hatte. Alle, die Paula zusahen, legten ihren Schwarz-Weiß-Film ab, vergaßen ihre Sorgen, denn die Welt wurde bunt …
Und dann traf ich noch den vorsichtigen Philosophen Claudius. Im Straßenlärm, im Tohuwabohu des Alltags, saß er einfach da, schaute zu mit dem Wissen von Jahrhunderten, das einen Wimpernschlag lang durchblitzte, zum Sprung bereit, die wärmende Umarmung zu schenken …
Ganz selten begegnet mir ›Ich weiß nicht, wer ich bin‹. Bei ihm bin ich eingetaucht in seine Ruhe. Rätsel entschlüsseln sich, das Gewitter verzieht sich, die klare Frühlingsluft duftet nach Gras, und kurz erwärmt die Sonne das Bild. ›Ich weiß nicht, wer ich bin‹ küsst mich wach und füllt den Moment mit Sinn.«
Mascha will schnell wieder zu ihren Freunden. Durch sie, sagt sie, sei Licht in einige Ecken ihrer Welt gefallen, und das fühle sich gut an. Wenn sich Fronten verhärtet haben, kann ein lächelnder Clown manchmal ein Licht herbeizaubern – auf die Gesichter der Demonstrierenden, und manchmal auch auf die Gesichter der Polizisten. 

Zurück zur Startseite

Hintergrundinfos zu Oya auf Facebook

Oya gemeinsam ermöglichen!