Der Inhalt dieser Webseite ist unbezahlbar!

Sie können aber dazu beitragen,
dass hier immer wieder neue Artikel zu lesen sind!

• Ja, ich möchte Oya unterstützen

• Ich unterstütze Oya bereits

• Nein, ich möchte kostenfrei weiterlesen

• Ich möchte ein kostenloses Probeheft bestellen

Bitte wählen Sie hier den Betrag, mit dem Sie Oya unterstützen möchten:



Falls Sie kein PayPal-Konto haben, können Sie natürlich
auch direkt unsere Bankverbindung verwenden:

IBAN: DE96 4306 0967 1112 9897 00 • BIC: GENODEM1GLS
Verwendungszweck: Oya-Online Beitrag

Imagination kennt keine Grenzen

An der Geschichte des »Labors für aufständische Imagination« zeigen sich Vielfalt und Schwierigkeiten kreativer politischer ­Bewegungen, in deren Zentrum die Lebensfreude steht.

von Lara Mallien , erschienen in 21/2013

Bild

Zum Klimagipfel 2009 wollte auch das Kopenhagener Museum für zeitgenössische Kunst seinen Beitrag leisten. Die begleitende Aus­stellung hieß »Re:think:contemporary art and climate change«. Eingeladen war neben anderen das Künstlerkollektiv »The Laboratory of Insurrectionary Imagination«, kurz »Labofii«, zu dem Isabelle Fremeaux, John Jordan und weitere Mitstreiterinnen und Mitstreiter gehören. Sie entwarfen die Aktion »Klemm dir den Spaß zwischen die Beine«: Aus Schrott-Fahrrädern sollten Klima-Aktivisten aus aller Welt mit Bürgerinnen und Bürgern aus Kopenhagen fahrbare Gebilde entstehen lassen und mit ihnen körperlich verschmelzen, um sich in eine bunte Gruppe noch nie dagewesener, fantasievoller Fahrradwesen zu verwandeln. Mit Fahrrad-Flashmobs würden dann die Straßen Kopenhagens wenigstens für Minuten von ihrem CO2-Ausstoß befreit werden. Dem Museum gefiel das Konzept, es sagte eine Förderung zu.
Kurz bevor es losgehen sollte, bekam John Jordan einen Anruf aus Kopenhagen: Der Container für den Fahrradbau vor dem Museum sei inzwischen organisiert. Aber man hätte mit der Polizei gesprochen. Sie bitte um Einsendung der Baupläne für die Fahrräder, damit ihre Verkehrssicherheit geprüft werden könne. – Mit diesen Fahrrädern, so Johns verdutzte Antwort, sei doch eine nicht angemeldete – also illegale – Massendemonstration geplant. So stand es ausdrücklich im Konzept. Das war ernstgemeint. Weshalb dann im Vorfeld die Pläne prüfen lassen? Das würde den kreativen gemeinschaftlichen Entwicklungsprozess, den Kern der Sache, im Keim ersticken. »Ihr habt doch unsere Internetseite gelesen«, sagte John entgeistert. »Dort ist überall zu lesen, dass ziviler Ungehorsam integraler Bestandteil unserer Experimente ist. Wir dachten, genau deshalb hättet ihr uns eingeladen!«
Falsch gedacht. Das Museum zog die Förderung zurück. Die Idee wollte aber dennoch in die Welt und fand Asyl in der Bolsje­fabrikken, einem nicht-kommerziellen Kulturzentrum in einer ehemaligen Bonbonfabrik. Dort warteten 500 von Helferinnen und Helfern gesammelte Schrottfahrräder, als die Labofiis eintrafen. 150 Menschen schweißten dann die unwahrscheinlichsten Drahtesel zusammen, vor allem Tandems, auf denen man sich gegenüber sitzt. Die Strategie sah vor, verschiedene »Fahrrad-Schwärme« zu bilden, die sich schnell aus einem großen, gemeinsamen Pulk ­her­auslösen und eigenständig agieren sollten. Die Räder des einen Schwarms waren mit Lautsprechern ausgerüstet, um die eigens für diese Aktion komponierte Musik wiederzugeben. Am 16. Dezember stellten die Fahrrad-Schwärme dann die halbe Stadt auf den Kopf.

Ungehorsamkeit als Prinzip
»Am Anfang gesellschaftlicher Wandlungsprozesse steht der Akt, nicht zu gehorchen«, sinniert John Jordan, als ich ihn bitte, mir seine Geschichte zu erzählen. »Nimm den Aufstand der Sklaven in den amerikanischen Südstaaten, die Frauenbewegung oder die Schwulen- und Lesben-Bewegung. In der Regel fürchten sich die Menschen davor, etwas Verbotenes zu tun. Aber zum Beispiel während unserer Fahrrad-Aktion hatten wir solchen Spaß, dass sich niemand geängstigt hat. In kürzester Zeit war eine Gemeinschaft entstanden, in der die Menschen ohne Hierarchie zusammenarbeiteten, sich halfen und neue Freundschaften ­schlossen.«
Solche Kraftquellen freizulegen, ist das Ziel des Labors für aufständische Imagination. John Jordan hat es mit seiner heutigen Partnerin, der Künstlerin Isabelle Fremeaux, 2004 in London ins Leben gerufen. Es war eine Antwort auf das Abebben der Globalisierungsproteste. »Wir haben erlebt, wie viele Aktive in dieser Bewegung verbittert wurden. Kreativität und Imaginationskraft könnten dem entgegenwirken. In der Kunstszene haben die Menschen in der Regel ein starkes Ego, wenig Mut und arbeiten im seltensten Fall in einem großen Kollektiv. Bei Aktivisten ist es eher umgekehrt, und so wollten wir die zwei Welten zusammenbringen. Allerdings nicht, um politische Kunst zu schaffen, sondern neue Formen des zivilen Ungehorsams und des Zusammenlebens.«
John hat Schauspiel und Kunst studiert. Seine Heimat fand er aber nicht in den Theatern und Galerien, sondern in Graswurzelbewegungen. »In den 90er Jahren gab es in England viel kreativen Protest, zum Beispiel gegen die Rodung von Wäldern für den Ausbau von Schnellstraßen. Dort bin ich nach dem Studium hineingeraten. Als ich auf einem Protest-Camp die Baumhaussiedlungen in den Ästen sah oder Szenen, in denen sich Menschen bis zum bitteren Ende an Bäume gekettet hatten, dachte ich: Das ist Theater, das ist Schönheit, das hat die Poesie einer Performance – das berührt uns und geht uns alle an.« Seitdem suchte John nach den starken Bildern, die bleiben, selbst wenn der Protest gescheitert ist. »Da haben einmal 8000 Menschen auf der Autobahn getanzt, unter ihnen riesige Karnevalsfiguren, acht bis zehn Meter hoch. Unter den Röcken dieser Figuren wurden Löcher in den Beton gebohrt und darin Bäume gepflanzt. Die standen immer noch dort, nachdem die tanzenden Menschen wieder fort waren. Ihr Bild hat alle berührt, unabhängig davon, auf welcher Seite sie standen.«

Erobere die Straße und deine Gefühle zurück
1995 war John Teil eines Kollektivs, das eine einfache Idee weltbekannt machte: »Reclaim the Streets«. Die Straße, privatisiert durch Verkehr und Kommerz, wollte diese Bewegung als gemeinschaftlichen Raum, als Commons, zurückerobern, indem große Partys gefeiert wurden. »Revolutionen haben oft etwas von Karneval, dachten wir damals, warum nicht erst den Karneval veranstalten, und daraus dann eine Revolution werden lassen?« Tatsächlich wurden viele Menschen, die zuerst nur wegen des Abenteuers und der Party am Platz waren, durch den Kontext der Aktionen politisch sensibilisiert. Die Bewegung wuchs, es kamen Tausende von Menschen, und sie schwappte in andere Länder und Kontinente. Auf meine Frage, warum es sie heute nicht mehr gebe, meint John: »Die Polizei hat verdeckte Ermittler in die Organisationsteams eingeschleust, die dort alle sozialen Prozesse blockiert haben. Zuletzt wollten wir im Jahr 2000 ein großes Guerilla-Gardening im Buckingham Palace veranstalten. Die Presse nannte uns im Vorfeld militante Schläger, dabei wollten wir Gemüse pflanzen. Der Gegenwind war so stark, dass die Bewegung letztlich zerfallen ist. Sie war aber eine wichtige Inspiration für die Anti-Globalisierungsbewegung, die um die Jahrtausendwende ihren Höhepunkt hatte.«
Das Laboratory of Insurectionary Imagination ist eine Antwort auf das Scheitern und die Erfolge dieser Zeit. Die Experimente des Labors sollten auf eine tiefere Ebene gehen. Eines der ersten war der Aufbau der Clownsarmee. Kurz vor der Labofii-Gründung war John an der Geburt von »The Clandestine Insurgent Rebel Clown Army (C.I.R.C.A.)« beteiligt, die 2003 zur Begrüßung von George Bush in London zusammenfand. Das Labofii-Team ging mit einem Kleinbus und dieser Idee auf Tournee durch neun Städte Großbritanniens. »Clowns sind für alles offen, spielen mit allem und können alles verwandeln. Sie haben keine dicke Haut, während sich viele Aktivisten ein dickes Fell zugelegt hatten. Wenn sich diese Panzer im Clownsspiel lösten, entstanden absolut magische Momente. Manchmal haben die Polizisten so gelacht, dass wir ungehindert durch ihre Reihen gehen konnten. Heute fehlt leider dieser Überraschungseffekt, weil die Polizei auf Clowns eingestellt ist.«
John gehört nicht nur zu den Gründern der Clownsarmee, sondern auch zu ihren ersten Deserteuren. »Ich hatte unterschätzt, dass nur wenige bereit sein würden, jene tiefe psychologische Arbeit zu leisten, den inneren Clown zu entdecken. Nur ein bisschen blödeln – darum ging es nicht. Irgendwann habe ich es nicht mehr ertragen. Sollte ich einmal im Fegefeuer landen, werde ich dort unentwegt von miserablen Hippie-Clowns bespaßt.«

Brombeeren sind Pionierpflanzen
Nach der Zeit der Clownsarmee entwickelte das Labofii verschiedenste kreative Aktionen auf Klimacamps. Isabelle und John faszinierte dort mehr und mehr, wie sich die Menschen gemeinschaftlich organisierten. Warum könnte man nicht immer so leben? Diese Frage führte sie 2007 auf eine Reise zu zwölf Gemeinschaften in ganz Europa, dokumentiert in ihrem wunderbaren Buch und Film »Pfade durch Utopia«. Diese Reise hat bei Isabelle und John tiefe Spuren hinterlassen. 2012 zogen sie aus der Großstadt London in die Bretagne und wurden Teil einer achtköpfigen Gemeinschaft, die dort ein verlassenes Stück Land erwarb. In Jurten und alten Scheunen bauen sie nun eine Landwirtschaft auf, eine vegane Küche und eine Mechaniker-Werkstatt. Heute besteht ihr Alltag nicht mehr aus einzelnen Experimenten, sondern er ist ein beständiger Fluss, in dem Kunst und Leben nicht mehr getrennt sind. Für diesen Zustand hat Isabelle ihren Professorenjob an den Nagel gehängt. John hat noch nie zuvor auf dem Land gelebt. Jetzt träumt er davon, einen Waldgarten anzulegen. Vor allem träumen beide davon, dass »La Ronce«, so nennen sie ihr Land nach dem französischen Wort für »Brombeere«, ein Lernort werden kann. Ein Ort, an dem Menschen ihr Wissen mit anderen teilen, und wo über die Frage geforscht wird, wie Kunst, politischer Aktivismus und alltägliches Leben in eins fallen können. »Wir möchten hier Wurzeln schlagen, aber keine Insel werden, sondern den Blick aufs große Ganze behalten.« Wie herausfordernd das ist, weiß ich aus eigener Erfahrung. Einen Ort aus Ruinen neu aufzubauen und gleichzeitig dort etwas tun, was weit ausstrahlt – genau das passiert in Klein Jasedow, wo Oya entsteht. Auch hier gibt es die Idee des Lernorts, an dem sich Kunst und Gesellschaftsgestaltung verbinden. »Wir werden bald anfangen, über diese Schule etwas zu schreiben«, sagt John. »Uns schwebt so etwas vor wie ein neues Bauhaus.« Für einen kurzen Moment sehe ich dieses neue Bauhaus vor mir. Es entsteht an vielen Orten. Es wird eine starke Bewegung werden. •


Mehr imaginativ-aufständische Bilder:
Internet
Ein Archiv der Experimente des Labors findet sich auf www.labofii.net.
Literatur
Isabelle Fremeaux und John Jordan: Pfade durch Utopia. Edition Nautilus, 2012