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Nichts ist ernst, alles ist wichtig

Im Zentrum für Experimentelle Gesellschaftsgestaltung (Zegg) sprach Oya-Redakteur Dieter Halbach mit Azar Baghai, Eugenia Maranke und Reinhard Horstkotte über Humor und Lebenslust.

von Azar Baghai , Dieter Halbach , Eugenia Maranke , Reinhard Horstkotte , erschienen in 21/2013

Dieter Halbach Vielen Dank für die Einladung zu diesem Gespräch in die Gemeinschaft »Zegg«. Viele junge Menschen, die sich hier in »Emphatic Young Leadership« ausbilden, hören heute zu. Wir werden versuchen, ernsthaft über das Komische zu sprechen. Ich möchte mit der Frage beginnen: Wann habt ihr zum ersten Mal gemerkt, dass etwas in euch steckt, das aus euch heraus will, das gar nicht bezähmbar ist, was vielleicht Lebensfreude ist?

Reinhard Horstkotte Meine Eltern sind beide Juristen. Wenn ich gefragt werde, warum ich Clown geworden bin, so lautet die Antwort: Ich hatte keine Wahl. Wie soll man sonst dem Urteil entgehen, wenn nicht als Clown? Für mich ist eher die Frage, wann ich zum ersten Mal die Freude verloren habe. Ich erinnere mich an sehr viele lichte Momente als Kind. Irgendwann habe ich die verloren. Es gibt da die Geschichte von der Mutter unseres Nachbarn, einer älteren Dame. Als ich die Schultüte in der Hand hatte, sagte sie: »Da geht der letzte freie Mensch!« Ich war immer ein Rebell, und so kam es, dass ich die Schule abgebrochen und Musik und Straßentheater gemacht habe. Ich hatte so ein Gefühl, dass es darum geht, zu teilen, was im Moment da ist – etwas, von dem ich jetzt nicht weiß, was es ist, was ich erst herausfinde, wenn ich hier sitze.

Azar Baghai Das erste Mal habe ich einen solchen Moment in meiner Kindheit erlebt. Es war eine Freude, meinen Körper beim Tanzen wahrzunehmen. Auf Partys merkte ich, dass ich von der Tanzfläche gar nicht mehr herunterkam. Ich war immer die Letzte, und alle sagten: »Azar tanzt noch weiter.« Die Freude an Sinnlichkeit, Beweglichkeit und Musikalität haben mich im Lauf des Lebens ­immer begleitet.

Eugenia Maranke Ich war ein wildes Kind: gerne auf Bäumen, gerne dreckig, gerne draußen mit den Pferden. Weiße Strümpfe habe ich gehasst. Dann wurde ich älter und hatte ein langweiliges Studium in London. »Oh, ich muss arbeiten, eine abgeschlossene Ausbildung muss her …« Nach meinem Abschluss als Diplomdokumentarin habe ich aber nie in diesem Job gearbeitet, sondern bin zur Clownschule gegangen und habe gedacht: »So lange habe ich gemacht, was ich nicht will. Jetzt mach ich, was ich will!« Dann habe ich den »Fool« kennengelernt, den Narren. Als Närrin konnte ich auch richtig böse sein und gar nicht lustig. In der nächsten Sekunde durfte es umschlagen. Das war Narrenfreiheit, die bis heute geblieben ist.

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© Foto: www.boris-goldammer.de

DH Dann bin ich gespannt, zu erfahren, was euch alle drei so gepackt hat, dass ihr eure Passion zu eurem Beruf gemacht habt, als Närrin, Coach für Lebensfreude und Clown. Was liebt ihr an diesen Berufen?

EM Ach, ich könnte wirklich niederknien und den Fußboden knutschen, weil ich so eine Arbeit machen darf! In ihrem Zentrum stehen meine Seminare, in denen ich das Narrentum weitergebe. Was ich daran so liebe? Ich darf in dieser Seminararbeit so sein, wie ich bin. Ich schaffe einen Schutzraum, der anderen Leuten auch erlaubt, so zu sein, wie sie sind. Beim Fooling ist es erlaubt, mit allem zu spielen, was da ist. Lebendigkeit reicht, ich muss mir nichts ausdenken. Wenn Menschen wieder anfangen, zu spielen wie die Kinder, sehe ich das beste Theater, ohne Eintritt zu zahlen. Wenn sie dann nach einiger Zeit wiederkommen und ich miterleben darf, wie der »natürliche Wahnsinn« als neugewonnene, innere Freiheit Früchte getragen hat, oder wenn ich erfahre, was zum Beispiel zu Hause los war, nachdem Mama beim Narrenworkshop war, dann freue ich mich tierisch!

RH Ich bin nicht nur selbst Clown, sondern auch künstlerischer Leiter des »Rote Nasen e. V.«. Wir schicken Clowns in Krankenhäuser, Hospize und Seniorenheime. Dabei geht es auch um diese innere Freiheit. Wir leben in einer Zeit, in der Leistung im Vordergrund steht, und das erzeugt einen Schatten. Der Schatten ist das Scheitern. Ich liebe an meinem Beruf, dass er unsere Unzulänglichkeiten sichtbar werden lässt, so dass man darüber lachen kann. Sinn für Humor wohnt in jedem Menschen. Wenn Politiker, die ich sonst nicht mag, über sich selbst schmunzeln können, erzeugt das bei mir Sympathie. Wir sind mit der Welt in einer solchen Sackgasse, dass wir vermutlich den Sinn für Humor nötiger haben denn je. Und das liebe ich an dem Beruf: Er ergibt Sinn … (lacht) … er muss Sinn ergeben – ach, das ist wieder so ein Anspruch. Also muss man auch manchmal Dinge tun, die keinen Sinn haben. Es ist ein Paradox: Dinge, die keinen Sinn ergeben, sollen Sinn ergeben … aaaah!

DH Was du gerade gesagt hast, war ein bisschen schizophren.

RH Absolut, das ist sowieso alles schizophren!

DH Wir erfreuen uns daran, den Widerspruch leben zu dürfen!

EM Deshalb liebe ich den Archetypen des Narren: Weil er die Gegensätze zusammenbringt, etwa Sinn und Sinnlosigkeit. Oder Angst und Mut. Ich denke immer, da, wo die Angst wohnt, da wohnt auch der Mut. Es fühlt sich ein bisschen irre an, wenn das beides gleichzeitig präsent ist. Die Logik sagt, das könne doch nicht sein.

DH Bei dir, Azar, habe ich auf der Internetseite diesen Satz von Khalil Gibran gelesen: »Eure Freude ist euer entschleiertes Leiden!« Was liebst du an diesem Satz und an deiner Arbeit?

AB Ich bin ursprünglich Informatikerin, bin also zuerst meiner Liebe zur Mathematik gefolgt. Aber die Arbeit als Informatikerin hatte mit dieser abstrakten, schönen, logischen Welt der Mathematik nichts zu tun, sondern es ging um Effizienz, Leistung, Geld. An meiner jetzigen Arbeit gefällt mir der Kontakt mit Menschen. Ich begleite Menschen auf dem Weg zu den Veränderungen in ihrem Leben, die sie sich wünschen. Das öffnet die Tür zur Lebensfreude. Wenn ich mit irgendeinem Teil meines Lebens nicht zufrieden bin und es ändern will, habe ich keine Ruhe. Wenn ich das, was in meinem Leben ist, nicht akzeptiere, leide ich darunter. Sobald ich aber anfange, diese Impulse zu verstehen und zu akzeptieren, weiß ich, mit welcher Kraft ich die ersten Schritte machen kann, und empfinde Freude, noch bevor ich ans Ziel komme. Wir sind als Erwachsene so oft unzufrieden, weil wir uns mit anderen oder irgendwelchen Idealen vergleichen. Wenn wir lernen, unser Denken anders zu strukturieren, so dass wir uns akzeptieren und verstehen anstatt uns abzulehnen, dann beginnt die Freude.

DH Das ist diese Entschleierung, durch die Menschen den Schatz in ihrem Leiden entdecken. Nur dort hindurch führt der Weg in die richtige Freude …

RH  Sonst ist sie nur aufgesetzt, hat keine Substanz, es macht nur pfffffft, und die Freude ist wieder weg. Bei der Arbeit als Clown ist das für mich dasselbe. Wenn ich in einem Krankenzimmer mit einem schwer erkrankten Kind bin, ohne dass es mich wirklich berührt, wird nichts passieren. Aber wenn ich merke, dass ich bewegt bin, kann ich damit arbeiten. Und so verstehe ich den Satz von Khalil Gibran. Dann fühle ich mit, und erst auf dieser Basis kann ich auch eine spielerische Distanz gewinnen.

AB Du würdest die Krankheit also nicht mehr als Leid sehen, sondern als einen Schmerz, der momentan da ist und sich unangenehm anfühlt und der zum Leben gehört?

RH Ja. Heute habe ich einen Anruf bekommen von den Eltern eines Kindes, das zweieinhalb Jahre im Krankenhaus auf ein Herz gewartet hat. Die Mutter sagte, der Junge hat ein neues Herz bekommen, es ist alles gutgegangen. Die sind durch etwas durchgegangen! Der Vater ist bei der Bundeswehr, ein echt harter Typ. Im Lauf der Zeit wurde er immer weicher und immer durchlässiger. Sogar ich konnte ihn knuddeln! Bundeswehr! Naja, fast knuddeln, ehrlich gesagt: ein bisschen knuddeln. Plötzlich ändern sich in solchen Situationen die Werte. Plötzlich weißt du eine Tasse Tee, eine Begegnung, einen Sonnenstrahl zu schätzen.

AB Solange ich gegen das Leiden an einer schwierigen Situation kämpfe, werde ich immer verlieren, weil Gefühle eben gefühlt werden wollen. Andernfalls kommen sie als Alptraum zurück. Wenn ich ihnen die Tür öffne, dann bin ich womöglich traurig, ängstlich oder unruhig, aber die Leidenskomponente ist weg. Ein unangenehmes Gefühl verschwindet, wenn es genügend gefühlt wurde. Das ist für mich das Geheimnis der Lebensfreude.

EM Ja, da zischte mir gerade etwas durch den Kopf: In Komödien passieren ja meistens schlimme Sachen. Der Clown rutscht aus, bricht sich ein Bein und sagt: »Hurra, ich mach’s nochmal!« Schlimmes wird übertrieben. Dabei geht es nicht darum, zynisch zu werden, sondern ganz ernsthaft damit zu spielen. Dann stellt sich diese Distanz ein – so ein kleines Augenzwinkern, mit dem die Leichtigkeit kommt, weil die Tragödie akzeptiert und durch das Spiel sehr deutlich gefühlt wird.

DH Aber das heißt doch auch, dass der Humor nicht unbedingt zum Lachen führen muss. Reinhard, kommt es auch vor, dass sich durch einen Krankenhausclown der Schmerz bei den Kindern öffnet und das Lachen ins Weinen umschlägt?

RH Ja, unbedingt! Wenn du als Clown auf die Station gehst, und das Kind anfängt zu weinen, denkst du: »Oh je, was hab’ ich falsch gemacht?« Bei einer Fortbildung hat ein Psychologe einmal gesagt: »Nein, das ist sogar gut, wenn sie auch weinen, das muss herauskommen.« Nicht, dass wir die Kinder jetzt immer zum Weinen bringen. Es geht um die Beziehung, um das, was im Moment richtig ist. Ich kämpfe viel gegen das Klischee von einem Clown.

DH Eugenia, du machst auch Unternehmenstheater. Du warst bei VW, bei Versicherungen, Steuerberatern. (Mit verstellter Stimme:) »Das geht eigentlich gar nicht, weißt du!« – Die ernsthafte Frage dahinter ist: Dem Hofnarren wurde in früherer Zeit – ssst! – die Rübe abgenommen, wenn er zu viel Ärger gemacht hat. Aber du lebst immer noch! Also machst du denen Ärger, oder machst du denen keinen Ärger? Was darf der Narr? Wie läuft das?

EM  Da findet zum Beispiel eine Tagung statt, irgendein Unternehmen organisiert etwas. Zur Unterhaltung holen sie sich einen Narren. Früher, als Clown, wurde ich manchmal zu Feiern in Familien eingeladen, wo der Haussegen schief hing. Sie holten sich den Clown, damit es wieder schön lustig werden sollte. Dann stehst du da und denkst: »Bitte nicht!« Bei den Unternehmen ist das ein bisschen anders. Die Leute, die uns engagieren, haben bei unseren Auftritten oft überall so rote Flecken am Hals vor Aufregung. Sie kaufen die Katze im Sack. Aber die Tiefe der Tragödie, die ich in Unternehmen manchmal fühle, kann ich nicht in einer Performance von 20 Minuten in ihrer ganzen Tragweite auf die Bühne bringen.

DH Kannst du nicht, oder hast du eine innere Beißhemmung?

EM Selbstverständlich versprechen die sich von uns auch Humor, aber wir sagen gleich: Das ist hier der »Narrenspiegel«, wir spielen aus dem Nichts heraus, wir wissen nicht, was passieren wird. »Det kann ooch ma ernsta werd’n!« Wir können Finger in eine Wunde legen. Mit manchem Publikum ist unglaublich viel möglich, dann wird es manchmal ganz still, ganz knackig.
Ich muss sagen, dass ich gegenüber Leuten aus Unternehmen ganz viele Vorurteile ziehen lassen habe. Vor so einem Auftritt haben wir zum Teil sehr lange, offene Gespräche am Telefon. Oder wir fahren hin und dürfen hinter den Vorhang gucken. Bei der Tagung sind wir als normale Teilnehmer dabei und nehmen erst einmal nur wahr. Dann halten wir irgendwann Kriegsrat und fragen uns: Wo hängt der Hammer schief? Wo läuft es gut? Dann gehen wir auf die Bühne. Ich empfinde es nicht als meinen Job zu provozieren, sondern ich spiegele das, was ist, in der Hoffnung, dass in diesem ernst-komischen Spiegel Erkenntnis stattfindet – und auch Spaß.

AB Bei dieser Spiegelung gibt es viel Paralleles zum Coaching. Wenn etwas auf mich widersprüchlich wirkt, spiegele ich das als Coach, ohne es zu bewerten. Genau wie du es beschreibst, habe ich auch so ein Bauchgefühl, bis wohin ich gehen kann. Wenn ich auf Widerstand stoße, habe ich außer Misstrauen gar nichts erreicht. Dann wird sich der Klient das nächste Mal nicht mehr so öffnen, weil die Konfrontation für ihn zu groß erscheint. Alles hängt bei dieser Spiegelung davon ab, wie weit mein Gegenüber gehen kann. Manche sind auch sehr streitbereit und kritikfähig.

RH Die Frage ist doch: Was spiegele ich? Etwa in der vorhin angesprochenen Situation der Familie mit dem schiefen Haussegen, die sich den lustigen Clown bestellt:. Spiegele ich den Leuten die Wahrheit, dass der Vater wirklich eine üble Art hat, mit seiner Familie umzugehen? Oder spiegele ich die Wahrheit, dass dieser Mensch geliebt werden möchte? Nehmen wir mal an, das ist so ein harter Typ, und ich nehme ihn plötzlich in den Arm. Das ist für ihn wahrscheinlich heftiger, als wenn ich ihm sage: Du bist ein Arsch!

DH Reinhard, du bist mit deiner Arbeit auch nach Südafrika gegangen. Was hat dich da gereizt? Was für ein Umfeld ist das, und was kannst du bewirken?

RH Ich wollte immer nach Afrika, das war schon als Kind mein großer Traum. 2009 lernte ich Jenny aus Südafrika kennen, eine Weiße, die ein Kunstzentrum mit Leuten aus den umliegenden Townships aufgebaut hat. Sie fand die Idee toll, dass ich dort einen Workshop halte. Ich war begeistert. »Endlich nach Afrika! In einem Township arbeiten, das ist sinnvoll!« Aber dann saß ich dort und dachte: »Mein Gott, auf welchem Trip bist du eigentlich? Hier kommst du mit Menschen zusammen, die mit Aids, Gewalt, Hunger oder Alkoholismus zu tun haben, und du gibst den weißen Gutmenschen, der sich cool findet!« Als wir dort ankamen, war Jenny verzweifelt. In ihrer Abwesenheit waren die Menschen, denen sie das Zentrum zur Führung übergeben hatte, als Alkoholiker rückfällig geworden. Es hatte Gewalt in der Gruppe gegeben, alles war heruntergewirtschaftet. Jenny meinte: »Es tut mir so leid, du hast die lange Reise auf dich genommen, und jetzt ist hier alles geschei­tert.« Da habe ich geantwortet: »Scheitern? Beim Clown geht es ums Scheitern!« Davon habe ich den Leuten dort erzählt. Der Clown fällt hin, aber er gibt nie seine Hoffnung auf, weil er mit seiner Freude verbunden ist. (Reinhard fällt vom Stuhl, setzt sich, fällt wieder hin, verliert den Hut ...) Ich habe mich noch nie so verstanden gefühlt, wie dort in Südafrika. Es war, wie nach Hause zu kommen. Irgendwann haben sie mir einen afrikanischen Namen gegeben.

Publikum Wie kann man diese Qualität des Clowns konkret anwenden, zum Beispiel morgens in der U-Bahn, in der die Menschen mit langen Gesichtern sitzen?

EM Den Schutzraum in einem Seminar, in dem ich meiner Narrenfreiheit frönen darf, kann ich auch in mir selbst einrichten. Einmal war ein Manager in meinem Kurs, der demnächst vor der Aufgabe stand, in seiner Firma einen Vortrag auf einer Art Podest zu halten. Dieses Podest hat er heimlich von einem Kumpel ansägen lassen. Wie geplant, ist es unter ihm zusammengekracht. Er jaulte, als habe er sich sonstwie schlimm wehgetan, und schon waren ganz andere Gefühle im Raum. Erst hinterher stellte sich heraus: Er hatte es so gewollt. Fooling beginnt eigentlich mit noch viel kleineren Dingen – um es einfach zu sagen: Ich darf Quatsch machen. Oder: Ich darf langweilig sein. So entsteht eine innere Entspannung, und die bildet diesen Schutzraum. Es ist unsinnig, sich zu kontrollieren nach dem Motto: »Ich habe einen Narrenworkshop gemacht, jetzt muss ich immerzu total anarchisch spielen.«

RH In der U-Bahn ist es eine gute Idee, mal keine SMS zu schreiben, sondern einfach nur dazusein. Vor 20 Jahren habe ich gedacht, heute riskierst du mal was, heute meditierst du eine Minute zwischen Bahnhof Kottbusser Tor und Hallesches Tor für den Weltfrieden. Wirklich, das habe ich gemacht – alleine. Alle blieben dabei auch still – aber die waren in der U-Bahn sowieso alle still! Wir sollten es nicht übertreiben, die Menschen nicht belehren, sondern mehr ins Mitgefühl und in den Kontakt miteinander gehen.

DH Interessanterweise kommt bei der Frage nach dem Alltag oft dieses U-Bahn-Beispiel. Was ich mir wünsche, ist, dass nicht nur in einer anonymen Situation mehr Lebendigkeit entsteht, sondern dass ich vor allem meine dichten Beziehungen oder meine Gemeinschaft als humorvoll und spielerisch empfinde. Wie ist es mit dem Alltag im Beziehungsstress? Oder in Vollversammlungen?

RH Fürchterlich!

EM Auf Versammlungen fühle ich mich oft total unwohl. Aber wenn ich dort einen konstruktiv-spielerischen Raum erschaffen kann, muss ich nicht sagen: »Alle sind doof, nur ich bin toll.« Wenn ich anderer Meinung bin als die anderen, kann ich auch denken: Vielleicht habe ich gerade ein Solo. Vielleicht ist es gut, aus der Herde hinauszugehen und irgendwann wieder zurückzukehren.

RH In meiner Familie – wir haben drei Kinder – sind meine Frau und ich sehr höflich zueinander. Wir sind Luftwesen, wir sind nicht so die Konfrontativen. Aber wir gehen Clownspielen, und da können wir uns dann total schön fetzen, da tragen wir dann alle Ehekräche aus: »Uh, ah, du gibst mir überhaupt keinen Raum! Du wertschätzt mich nicht!« Für uns ist dieses Spielerische enorm hilfreich.
Publikum In unserem Ort gibt es eine Obdachlose, die mit ihren Einkaufstüten überall herumläuft und wild und laut tanzt, aber sie freut sich nicht dabei. Ich weiche ihr immer aus, weil ich ihre Energie nicht ertrage. Letztens begegnete sie mir ganz unten im Parkhaus, wo ich ihr nicht entgehen konnte. Da bin ich wild schreiend an ihr vorbeigelaufen, und sie fing zum ersten Mal an zu lachen.

EM Das ist eine tolle Geschichte über die Kraft des Spiegelns!

RH Und das beantwortet auch schön die vorige Frage, wie man das in den Alltag bringt.

DH Dann lasst uns wieder in unseren Alltag zurückkehren! Viel Spaß dabei, und vielen Dank für das schöne Gespräch! •

 

 

Azar Baghai (53) studierte Informatik und Psychologie. Nach zehn Jahren als Informatikerin zertifizierte sie sich zum Coach. Heute arbeitet sie als Lebens- und Business-Coach und als Heilpraktikerin für Psychotherapie in eigener Praxis in Berlin. Sie leitet Seminare zu gewaltfreier Kommunikation und Selbsterforschung durch Tanz.
www.lebenmitfreude.de

Reinhard Horstkotte (47) entdeckte früh das Gauklerleben in Florenz und ist Clown, Akrobat und Musiker. Seit 2005 ist er künstlerischer Leiter des Vereins »Rote Nasen e. V., Clowns im Krankenhaus« und gibt international Workshops, Vorträge und Vorstellungen rund um die Themen Clown, Spiel und Poesie des Hierseins.
www.reinhard-horstkotte.de
www.rotenasen.de


Eugenia Maranke (45) ist seit 1995 tätig als Schauspielerin, Clownin, Närrin und Seminarleiterin. Sie betreibt mit Dirk David das Unternehmenstheater »Narrenspiegel« und gibt ihre Erfahrungen in Seminaren weiter, in denen es um Fooling, Ausdruck, wertschätzende Kommunikation, kreative Prozesse und »den Moment« geht.
www.theater-narrenspiegel.de
www.das-tut.de
www.wirkstatt.com

 

 

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