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Vom Lebensdorf zur Lebenswelt

Ein Ökodorfprojekt nimmt die Herausforderung ernst, Experimentallabor der Gesellschaft zu sein.

von Felix Wagner , erschienen in 20/2013

Die Kolumne in Oya Ausgabe 18 mit der provokanten Überschrift »Dafür braucht es kein Ökodorf – Gemeinschaft gibt’s in allen Zusammenhängen« hat den Gemeinschaftsforscher Felix Wagner angeregt, die Rolle von Ökodörfern als Pioniere des Wandels zu betonen. Ihre Erfahrungen sollen mit Hilfe der Wissenschaft in einen gesellschaft­lichen Transformationsprozess eingehen.

Bild

© Foto: andreas müller

In den Anfangsjahren der Ökodörfer gab es viel Enthusiasmus und die Überzeugung, dass durch solche sozial-ökologisch ausrichteten Projekte viele Menschen angeregt würden, weitere Ökodörfer zu gründen. Als »Rettungsboote« für die sich in den Untergang manövrierenden Gesellschaften sollten sie fungieren und sich global ausbreiten. Um diesen Prozess zu unterstützen, wurde Mitte der 1990er Jahre das Global Ecovillage Network (GEN) gegründet. Die globale Entwicklung solcher Gemeinschaften vollzog sich jedoch langsamer und schwieriger als erhofft. Mittlerweile hat sich die Ausrichtung von GEN gewandelt. Der Fokus liegt nicht mehr so stark dar­auf, möglichst viele Ökodörfer zu gründen, sondern verstärkt die Kooperation mit anderen Nachhaltigkeits- und Transformationsinitiativen aufzunehmen und die eigene Modell- und Beratungsfunktion für andere gesellschaftliche Kontexte, etwa für Nachbarschaftsinitiativen oder Städteplanung, hervorzuheben.

Wie Wolfram Nolte in seiner letzten Kolumne schrieb, sind Gemeinschaften im guten Fall »Gewächshäuser des Vertrauens« – ein Zitat von Dieter Duhm –; es sei jetzt an der Zeit, diese Pflänzchen ins Freiland zu bringen. Dem stimme ich absolut zu. Viele Personen sind in Gemeinschaften gezogen, haben die Freuden und Schwierigkeiten kooperativen Lebens kennengelernt und sind als gewachsene Menschen wieder in die »Welt« hinausgegangen, wo sie den Gemeinschaftsgeist an fruchtbaren Stellen aussäen können.

Die Potenziale von Ökodörfern
Ich sehe neben den sozialen und psychologischen Aspekten noch weitere Potenziale von Ökodörfern. Wir leben in einem Zeitalter des Wandels. Dass es grundlegender Veränderungen bedarf, ist mittlerweile eine weitverbreitete Ansicht geworden. Selbst auf hohen politischen Ebenen findet ein Umdenken statt. Der Wissenschaftliche Beirat für Globale Umweltfragen der Bundesregierung (WBGU) hat seinem letzten Gutachten den ­Titel »­Gesellschaftsvertrag für eine große Transformation« gegeben. Wer hätte gedacht, dass einst offiziell von der »großen Transformation« die Rede sein würde? Das Aufregende daran ist, dass als Hauptakteure neben dem gestaltenden Staat die sogenannten Pioniere des Wandels aufgeführt werden. Damit sind freilich mehr Personen und Gruppen gemeint als lediglich Ökodörfer. Trotzdem haben jene etwas Besonderes zu bieten: das Zusammenbringen der verschiedenen Dimensionen und Bereiche des Wandels in einen gelebten Alltag. Dieser Wandel ist wahrhaft umfassend und geht über einzelne Segmente wie Ernährung, Energie, Soziales oder rein technische Lösungen hinaus. Dem WBGU zufolge ist es jetzt an der Zeit, dass die Pioniere des Wandels aus ihren Nischen herauskommen und ihr Innovationswissen breiter in die Gesellschaft einbringen.

Wissenschaftliche Begleitung
Eine große Vermittlungsfunktion soll hierbei die Wissenschaft haben. Trotz zunehmender Forschungsaktivitäten zu Ökodörfern ist gerade die spannende Frage, wie man von einem Ökodorf zu einer gesellschaftlich getragenen »Kultur der Nachhaltigkeit« kommt, noch weitgehend offen. Konnten doch die Ökodörfer ihr volles Potenzial bislang noch gar nicht entfalten, da sie vielerorts noch immer stark mit dem Aufbau und der ökonomischen Absicherung beschäftigt sind und zu wenig dazu kommen, nach außen zu wirken. Hinzu kommt oft eine geografische und ideelle Isolation vom Rest der Gesellschaft. Aus dieser Perspektive ist es durchaus weiterhin sinnvoll, Neues schaffen zu wollen.
Das Projekt »Lebensdorf« stellt einen solchen Versuch dar: mit einer Gemeinschaft zu starten, die genug Gestaltungsmöglichkeiten bietet, die gewünschten Pflänzchen und Biotope wachsen zu lassen, und die von Anfang an darauf angelegt ist, nicht nur in den eigenen Grenzen zu bleiben, sondern mit dem gesellschaftlichen Kontext in intensive Interaktion zu treten. So soll über die Jahre eine Beteiligung von bis zu eintausend Personen aus allen gesellschaftlichen Bereichen – und eben nicht nur von Gemeinschaftsinteressierten – entstehen. In enger Kooperation mit Wissenschaftlerinnen werden dabei Prozesse des Wandels erforscht. Dadurch sollen auf vielen Ebenen Impulse in die Gesellschaft getragen werden, sowohl lokal vor Ort als auch überregional durch Forschungspublikationen, Bildungs- und Beratungsangebote. Das Neue daran ist vor allem die Offenheit, das Projekt in Kooperation mit Wissenschaft und Politik zu gestalten. Dadurch sollen noch stärker als bisher für die Gesellschaft relevante und auf sie übertragbare Innovationen und Modelle geschaffen werden. In der Praxis bedeutet das, ein für viele Menschen attraktives Lebensumfeld zu schaffen und so vom lokalen Lebensdorf zu einer gesellschaftlichen Lebenswelt zu kommen.
Ökodörfer werden weiterhin die wichtige Funktion haben, in geschütztem Rahmen Entwicklungen und Erfahrungen zu ermöglichen. Entscheidend dabei ist, dass dieses gelebte Wissen stärker als bisher in die gesellschaftliche Transformation einbezogen wird. Dazu bedarf es einer intensiven Kooperation aller am Wandel beteiligten Akteure. Ich würde mich sehr freuen, wenn in Oya weiter über ein solches Zusammenwirken nach- und vorgedacht wird. •


Felix Wagner (34), Gemeinschaftslebender und Forschender, promoviert derzeit in Psychologie zur Frage, wie in Ökodörfern eine Kultur der Nachhaltigkeit gestaltet wird. Er ist Mitbegründer von Research in Community und dem Projekt Lebensdorf. f.wagner@researchincommunity.net

Das Lebensdorf hat noch keinen Ort, aber schon eine Homepage:
www.lebensdorf.net