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In aller Ruhe lernen

Salman Khans Unterrichtsvideos revolutionieren Bildungsysteme weltweit.

von Anke Caspar-Jürgens , erschienen in 20/2013

Der kalifornische Hedgefonds-­Analyst Salman Khan entwickelte 2004 für seine junge Cousine, die sich in der Schule schwertat, 15-minütige Lernvideos und stellte sie ins Netz. Bald darauf überrollten ihn die Wünsche nach mehr solchen Filmen.

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© Foto: ronn seidenglaz

Warum gefiel es den Kindern, ausgerechnet durch Videos zu lernen? War es die unaufgeregte, freundliche Art, in der Salman auch schwierige Zusammenhänge auf der kleinen, schwarzen Bildschirmtafel mit bunter Kreide erklärte? Wie er den Sachen auf den Grund ging? Dass er manchmal irrte und sich schmunzelnd verbesserte? Salman stellte immer mehr Videos ins Internet, und viele Nutzerinnen und Nutzer bedankten sich dafür, dass es großartig sei, das Video immer wieder anschauen zu können, bis man den Inhalt wirklich verstanden habe.

Als Kind einer Einwandererfamilie aus Bangladesch hatte Salman Khan die Hürden einer zu teuren Bildung, die Kindern aus weniger bemittelten Familien die Chancen für ihren Berufswunsch rauben, zur Genüge kennengelernt. Könnte, ja sollte es nicht möglich sein, mit Hilfe des Internets auch armen Menschen eine Grundbildung und alles darauf Aufbauende zugänglich zu machen, und zwar weltumspannend? Der Gedanke, dass Bildung ein Menschenrecht sei, ließ Salman nicht mehr los. Er kündigte 2007 seinen Job, lebte von Ersparnissen und begab sich auf Sponsorensuche für eine gemeinnützige, nicht auf Profit ausgerichtete Bildungseinrichtung. Seine Frau hielt unbeirrt zu ihm, andere taten ihn als Spinner ab. War er größenwahnsinnig geworden? Videos zu produzieren, kostete ihn wenig. Mit ihrem Verkauf könne er doch großes Geld machen, rieten ihm viele wohlmeinende Leute, aber er wollte die Videos kostenfrei in seiner »Khan-Academy« zugänglich halten.
Die Erfolge der Lernvideos sprachen sich mit der Zeit herum. Schulleiter im heimatlichen Silicon-Valley griffen die Idee für ein Pilotprojekt auf. Statt Hausaufgaben zu machen, sollten die Schüler den Stoff über die Lernvideos vorab zu Hause durchnehmen. In der Schule blieb dann Zeit für Reflexionen über die erlernten Inhalte und für persönlichen Austausch. Bald nahmen Zeitdruck und Unzufriedenheit in der Schule ab, wie auch das Gefühl von Über- oder Unterforderung bei den Schülern. ­Lehrer und Schüler genossen die gewonnene Zeit, das Niveau der Arbeiten stieg. Als schließlich Bill Gates gestand, Khan sei sein Lieblingslehrer, er verwende dessen Videos erfolgreich bei den Hausaufgaben seiner Kinder und halte das für den »Beginn einer Revolution«, begann Khans Akademie die Schlagzeilen zu füllen. Seit dem Jahr 2009 wird das Projekt von der Bill and Melinda Gates Foundation und von Google unterstützt.

Kostenlose Bildung rund um die Welt
Salman Khan war am Ziel. Er hatte die Mittel, um seine Idee Wirklichkeit werden zu lassen, und sah sich damit »an einem geschichtlichen Wendepunkt, an dem die Bildung vor einer vollständigen Erneuerung stehen könnte«, wie er in seinem Buch schreibt. Mit über tausend qualifizierten Mitarbeitern produzierte er seither etwa 3400 Videos zu klassischem Schulwissen sowie zu weiteren Themen wie Kosmologie, Computerkunde oder zum Grundlagenwissen in Recht und den Religionen. Dazu arbeitet die Webseite über ein Feedbacksystem mit interaktiven Prüfungsfragen.
So könnte es an jedem Ort der Welt, der einen Internetzugang hat, kostenlos erstklassige Bildung geben. Wurde die Khan Academy schon vor der Förderung von einer Million Menschen genutzt, so sind es heute pro Monat sechs Millionen. Sie können sich mit dem Stoff so lange Zeit lassen, bis sie ihn verstanden haben. Ein »Versagen« wegen Lernlücken gibt es nicht, denn das jeweils nächste Lernziel baut mühelos auf dem bisher Verstandenen auf. Die Beziehungen zwischen Schülern und Lehrern werden dadurch entlastet, die Eigenverantwortung der Lernenden wird gestärkt.
»Es geht nicht nur um Prüfungsergebnisse. Es geht um das Leben der Menschen. Es geht um ausgeschöpfte oder verschwendete Potenziale, um gewährte oder versagte Würde«, so Salman Khans leidenschaftlicher Apell für menschenwürdiges Lernen.
Zum Hintergrund der jüngsten Forschungsergebnisse zitiert Khan den Schulleiter David Castillo und seine Lehrer, die unter sehr schwierigen Bedingungen zu arbeiten hatten: »Wir glauben, dass die Nutzung der Khan Academy zu einem grundlegenden Wandel im Charakter der Schüler führt – Eigenverantwortung ersetzt Apathie, Fleiß ersetzt Faulheit. Diese persönlichen Veränderungen sind der Hauptgrund für die verblüffenden Verbesserungen.«
Schulbildung kann effizienter, in weniger Zeit und mit mehr Spaß erworben werden. Dann reichen für den Schulstoff täglich ein bis zwei Stunden aus. Zeit ist gewonnen für kreatives, informelles und intuitives Lernen, für die Auseinandersetzung mit den Herausforderungen der Welt. Wenn Kinder sich in Zukunft einen Großteil des Stoffs selbst beibringen, geht es in der Schule nur noch um genau diese Dinge: Roboter bauen, Feuer machen, Bilder malen, mit Freunden diskutieren, zusammen spielen. Also werden sie sich auch mit Mathe und Physik gründlich befassen.
»65 Prozent der Kinder, die dieses Jahr in die Schule kommen, werden später Berufe ausüben, die es heute noch gar nicht gibt. Wer dachte vor fünfzehn Jahren, dass es heute die Berufe Genomforscher, Unternehmer in Social Media, den Ingenieur für Cloud Computing oder Entwickler für Phone Apps geben würde?«, listet Khan auf. Niemand sei klug genug, um zu wissen, was morgen, in der nächsten Stunde oder gar sofort geschehen wird. »Die Gewissheit des Wandels, gekoppelt mit der Ungewissheit, wie dieser Wandel genau aussehen wird, hat tiefgreifende und komplexe Implikationen für unsere Herangehensweise an Bildung. Wir können nicht vorhersagen, was die jungen Leute von heute in zehn oder zwanzig Jahren wissen müssen. Daher ist es nicht so wichtig, was wir ihnen beibringen, abgesehen vom Grundlagenwissen. Die wichtigste Aufgabe von Bildung ist es, Kindern zu vermitteln, wie man lernt.«
Khans Visionen für Strukturen und Methoden von Schulen gehen über Reform­ideen hinaus. Warum solle man an der ­Selektion der Schüler nach Alter und Leistung und an der seit fast 200 Jahren üblichen Abschottung der Menschen durch Klassenräume festhalten, wenn deren Ineffektivität längst in vielen Studien nachgewiesen wurde?
Varianten des Überkommenen werden in Deutschland nach wie vor unermüdlich diskutiert und erprobt: ganztägig, vier-, drei-, zwei- oder einzügig? Frontaler oder Gruppenunterricht? Oder besser die Individualisierung mit beigestellter Fachkraft, par­allel oder getrennt von der Gesamtgruppe? Oder eine Mischung von allem?
Der Revolutionär Khan blickt weiter: »Das konventionelle Bildungssystem ist mit seinen Schwachpunkten – bloßes Auswendiglernen im Einheitstempo, künstlich zergliederte Wissensgebiete und zu sehr auf Tests ausgerichtete Lehrpläne – eindeutig zu unser aller Nachteil. In einer Zeit, in der nie dagewesene Veränderungen eine nie dagewesene Flexibilität erfordern, bleibt das gängige System starr und spröde. Während unsere zunehmend vernetzte Welt nach unkonventionellem Denken verlangt, nach mehr Erfindern und einem stärkeren Sinn für Einbindung, fährt das herkömmliche System fort, Schüler zu entmutigen und auszugrenzen.«

Revolution, nicht Reform!
Auf den Einwurf eines Reporters der »Süddeutschen Zeitung«, dass unser traditionelles Schulsystem sich ungeheuer starr gegenüber Veränderungen verhalte, antwortete Salman Khan: »Es ist immer schwer, große Systeme zu verändern. Aber mit den Methoden, die wir jetzt haben, ist es möglich, dass die Kinder nicht mehr durch dieses System gehen müssen, sondern einen Weg daran vorbei finden.«
Lerngruppen müssten sich nach Bedarf und Interesse frei zusammenfinden und auch Einzelne müssten sich ihrem Thema intensiv widmen können. Die bis dahin isolierten Klassen zugeteilten Lehrer hätten dann Zeit, sich denjenigen Schülern zuzuwenden, die sich Hilfe wünschten. Auf die Frage, wie die neuen Schulen denn aussehen müssten, antwortete Khan: »Wichtig ist, dass die Kinder einen Ort haben, an dem sie ihre Freunde treffen können. Vielleicht wird Schule aussehen wie eine Kombination aus Museum, Bibliothek, Labor und Werkstatt. Es wird in diesen neuen Schulen darum gehen, wirklich tiefe Erfahrungen zu machen und als Mensch zu reifen.«
Salman Khans Vision zielt nicht auf globale Gleichschaltung von Wissen ab, wenn er sich wünscht: »Noch besser wäre es, wenn gleich eigene Videos in der jeweiligen Sprache entstünden. Ich kann mir vorstellen, dass wir in fünf bis zehn Jahren nahezu unabhängige Organisationen in den Regionen haben, die auch die dort relevanten Inhalte aufnehmen.« Ehrenamtliche Übersetzer der Videos werden in Deutschland und in aller Welt gesucht.•




Mal gucken, was man lernen kann?
Internet
http://de.khanacademy.org (alle deutschsprachigen Videos)
Literatur
Salman Khan: Die Khan-Academy. Die Revolution für die Schule von morgen. Riemann 2013

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