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Kinder als ­Gestalter der Welt

Seit fünf Jahren lässt die Freie Morgenrot Schule im Wendland kulturkreative Bildung Wirklichkeit werden.

von Stefanie Breme-Breilmann , erschienen in 20/2013

Mit ambitionierten Idealen ging das freie Schulprojekt an den Start. Nach der anfänglichen Leichtigkeit bedrohen nun politischer Gegenwind und ein finanzieller Engpass die Kontinuität der guten Erfahrungen.

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© Foto: www.frei-morgenroth-schule.de

Saliha, Rune, Lovis und Fiona sitzen mit den anderen Kindern und ihrem Lehrer an einem langen Tisch. Vor ihnen sind allerlei Köstlichkeiten aufgebaut: diverse Sprossen, Äpfel, Nüsse und eingeweichte Sonnenblumenkerne. Die Kinder erzählen von ihren Tieren, einige malen. Ein paradiesischer Schulalltag, in dem nun über fünf Jahre hinweg Erfahrungen gesammelt werden konnten.

»Am Anfang fügte sich alles ganz unkompliziert. Schon nach drei Monaten lag die behördliche Genehmigung vor. Darauf warten andere Schulprojekte Jahre«, so beginnt Joy Müller, die 2008 die Freie Morgenrot Schule gründete, ihre Erzählung. Mit 14 Kindern in einer altersübergreifenden Gruppe und zwei Räumen in einem alten Kurhaus in Alt Garge an der Elbe ging es los. Drei Jahre lang müssen sich Schulinitiativen selbst tragen, erst dann fließen üblicherweise die staatlichen Zuschüsse. Im ersten Jahr unterstützten private Förderer das Projekt durch Spenden und Privatdarlehen. Im zweiten und dritten Schuljahr finanzierte die Hamburger GLS Bank das gemeinnützige Unternehmen.
Direktorin Barbara Spenner erinnert sich an die erste Zeit; wie mancher Schüler von der Regelschule auf die Freie Morgenrot Schule wechselte: »Oft waren sie demotiviert und voller Widerstand, im Lernstand hinter den anderen, als sie hier ankamen und geduldig aufgefangen worden sind. Die Eltern und Kinder waren dankbar, dass es hier, nach den Erfahrungen mit Druck und Konkurrenzkampf, erst einmal um Vertrauensbildung und Geduld geht. Die ›Neuen‹ schauen zum Beispiel zu, wenn die Gruppe begeistert-spielerisch Mathematikaufgaben löst. So etwas steckt an – auch wenn es mitunter ein halbes Jahr dauert.«

Wie können kleine Schulen überleben?
»Doch dann kam politischer Gegenwind«, bedauert Joy Müller. »Wir wollten in ein neues Schulgebäude ziehen, weil der Platz nicht reichte, und wurden zwei Wochen vor dem Umzug durch einen baurechtlichen Gerichtsbeschluss gestoppt. Übergangsweise konnten wir ein 30 Kilometer entferntes Gebäude nutzen – zu weit für viele Eltern, die ihre Kinder daraufhin abmelden mussten. In Folge wurden uns auch die staatlichen Pro-Schüler-Zuschüsse gekürzt.« In den Schulalltag sei zwar inzwischen Ruhe eingekehrt, doch die politischen und formalen Hürden haben die kleine Schule, die gerade so gut lief, in einen finanziellen Engpass getrieben. »Trotz der aktuell geringen Zahl von 15 Schülern«, so Müller, »ist der Verein entschlossen, den Schulbetrieb weiterzuführen und das eingespielte, qualifizierte Kollegium zu halten.« Die Freude der Kinder am Lernen gibt ihnen die Kraft zum Weitermachen.
»Die Grundlage der entspannten Atmosphäre an unserer Schule ist die bewusste Bereitschaft der Erwachsenen, sich mit den Kindern zu verbinden, sie von der Herzensebene aus wahrzunehmen«, sagt Lehrer Tao Kugler. Das Team der Schule vermeidet Bewertung, und das können die Kinder im Schulalltag spüren. »Jede Aktion hat einen Hintergrund. Kein Kind ist ›böse‹. Wir sind ganz nah dran an jedem einzelnen Schüler, wollen seine individuellen Hintergründe verstehen. Durch ihr waches Interesse für die Welt können sich Kinder als aktive Gestalter unserer kleinen und auch der großen Gesellschaft erleben. Unser Verständnis von ›kultureller Bildung‹ ist, dass Menschen heranwachsen, die in der Lage sind, aktiv Verantwortung für sich, ihr Leben und ihre Welt zu übernehmen.«
Gründerin Joy Müller ist studierte Gesellschafts-und Wirtschaftswissenschaftlerin. Sie besuchte mehrfach das internationale Projekt »Auroville«, die »Stadt der Zukunft« in Indien. »Dort habe ich erlebt, wie befreiend und bereichernd ein von gegenseitiger Achtung geprägter Umgang zwischen Erwachsenen und Kindern sein kann. Diese konkrete Erfahrung gab mir die Energie, so etwas auch hier im Wendland umzusetzen.«

Das gewisse Etwas
Die 29-jährige Freiberuflerin Simone und auch Patrizia, die Mutter des achtjährigen Lovis, haben sich bewusst mit ihren Familien nach langer Suche für den Umzug von Süddeutschland ins Wendland entschieden. Ernährung, Umweltbewusstsein, bilingualer Unterricht, Nachhaltigkeit sowie eine individuelle Förderung waren ihre Kriterien. »Ausschlaggebend war vor allem die Authentizität und Liebe, die wir hier spüren. Letztlich sind es immer die Menschen, die den Geist einer Schule spürbar machen«, erklärt Patrizia.
Zu den Grundsätzen der Freien Morgenrot Schule gehört, dass Druck und Wettbewerbsstrukturen entfallen. In altersgemischten Gruppen stehen fachübergreifende Projektarbeiten im Vordergrund. Zum Beispiel das Fledermausprojekt, bei dem Werken, Ökologie, Expertenberatung und der Bezug zur Region zusammenfließen. Oft gehören zu den Projekten auch Ausflüge ins Umland, sei es in die nahegelegene Elbtalaue, an den Elbestrand, zu Bauernhöfen oder Handwerksbetrieben. Die Schule lädt auch Expertinnen und Experten von außerhalb ein, die ihr Wissen mit den Kindern teilen möchten – wenn sie genau wie die Lehrerinnen und Lehrer Begeisterung ausstrahlen können. An dieser Schule können es alle spüren, das gewisse Etwas, das nicht mit Konzepten, Regeln oder Modellen erklärbar ist.
Tao Kugler hörte zusammen mit der Schulleiterin kürzlich einen Vortrag des Hirnforschers Gerald Hüther in Berlin. Dort betonte dieser wieder einmal die neurowissenschaftliche Bedeutung von Begeisterung. »Wenn eine Information mit Begeisterung aufgenommen wird«, so Hüther, »dann wird diese in einer anderen Hirnregion abgespeichert, stärker an positive Emotionen gekoppelt, besser vernetzt und länger abrufbar.« Joy Müller kann das bestätigen: »Die Kinder lernen und erinnern sehr viel effektiver, wenn der Impuls und die Neugier von ihnen selbst ausgeht. So können wir uns hier viel Zeit für soziale Themen wie Streit- und Konfliktlösung nehmen.« Neben der nötigen und klärenden Orientierung durch die Erwachsenen, die in konventionellen Zusammenhängen wohl Strafen verhängen würden, fänden die Kinder weitgehend selbst kreative Lösungen für ihre Konflikte. Schulleiterin Barbara Spenner fügt dem hinzu: »Und das klappt viel besser, als wenn wir quasi von oben regulieren würden!«
Wenn die Finanzierung gesichert ist, kann die Freie Morgenrot Schule ab diesem Sommer Schülerinnen und Schülern den Einstieg bis in die 10. Klasse anbieten. Das neue Schulgebäude, ein historisches Fachwerkhaus mit typisch niedersächsischem Flair, liegt neben der Kirche mitten im Zentrum von Drethem, einem kleinen Ort gleich an der Elbe, in der Nähe von Hitzacker. Hier ist die Gemeinde positiv eingestellt, und die kleine Schule mit dem großen Herz könnte endlich ein Zuhause finden. Das große Haus und der weitläufige, naturnahe Garten bieten genügend Raum, um achtsamer Bildung weiterhin eine Perspektive zu geben. •
 

Stefanie Breme-Breilmann (55) ist freie Journalistin und Achtsamkeitstrainerin für Kinder und Jugendliche, hat zwei Söhne und war unter ­anderem lange Jahre in der Elternarbeit tätig. Sie lebt in Bad Bramstedt.


Die kleine Schule braucht Unterstützung:
Spendenaufruf
33 000 Euro sind nötig, um den Fortbestand der Freien Morgenrot Schule zu sichern. Die GLS Bank ist bereit, das Projekt mit einem Bürgschaftskredit zu unterstützen. Nun werden dringend Menschen gesucht, die mit einem Betrag zwischen 500 und 3000 Euro für das Projekt bürgen.
Selbstverständlich sind auch Spenden willkommen:
Verein für nachhaltiges Lernen e. V., Konto 2019906100, BLZ 430 60967
Kontakt: Joy Müller: mail@freie-morgenrot-schule.de

www.freie-morgenrot-schule.de

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